Brasilien – der große Sprung zurück

 

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Angela Kemper, Brasilienreferentin der Dreikönigsaktion, berichtet aus Brasilien.

Es ist 22.45 Uhr und ich komme am Flughafen Recife in Nordostbrasilien an. Mein Koffer ist nicht mit mir gereist, und schneller als mir lieb ist, bin ich mitten in der brasilianischen Bürokratie.

 

Nach dem Anstellen beim Reklamationsschalter und der Aufnahme des Protokolls gleich noch eine Kontrolle des Handgepäcks und ich bin froh, dass der Taxifahrer, den unser Projektpartner geschickt hat, die zweieinhalb Stunden gewartet hat. Ein tropischer Regenguss begleitet unsere Fahrt in die Unterkunft und schlägt wie im Rhythmus zu den Geschichten, die der Taxifahrer parat hat. Schrecklich sei es hier, es herrsche eine Art Ausnahmezustand, die Bürgerrechte werden eingeschränkt, die Pensionen gekürzt, Gesundheits- und Bildungspolitik werden zu Tode gespart, Korruption ist überall, Gewalt in den Städten und am Land sind mittlerweile Alltag. Der Mix aus Jetlag, Müdigkeit, Starkregen und den Schauergeschichten klingt noch nach, bis ich endlich im Bett liege.

Nach einer kurzen Nacht geht die Arbeit los. Auf dem Weg zum ersten Projektbesuch möchte mir ein etwa neunjähriger Bub auf der Straße Wasser verkaufen. Ich frage ihn warum er denn nicht in der Schule sei und die Antwort kommt prompt: „Die Schule ist geschlossen, wir haben kein Wasser dort!“ Alltag im Schwellenland Brasilien. Ich erinnere mich an die besetzten Schulen vor circa einem Jahr vor der Eröffnung der Olympischen Spiele. Die Schüler/innen in Rio de Janeiro kritisierten, dass es Geld für die Olympischen Spiele gebe, aber das Geld für Infrastruktur und Bildung fehle. In ganz Brasilien waren mehr als 1000 Schulen sowie einige Unis von Schüler/innen und Student/innen besetzt. Der Protest richtete sich gegen das marode Bildungssystem und konkret gegen das erste große Projekt der Regierung von Präsident Michel Temer, einen Verfassungszusatz, der eine Haushaltsausgabenbremse für die kommenden 20! Jahre festschreibt. Die Staatsausgaben dürfen demnach nur noch im Tempo der Inflation steigen. Damit will Temer die kriselnde Wirtschaft beleben, indem er, wie es bei solchen Plänen gerne heißt, „das Vertrauen der Märkte“ zurückgewinnt.

Das Schulthema begleitet mich noch weiter. In Juazeiro, 700 km landeinwärts, unterstützt die Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar IRPAA (www.irpaa.org), das Regionale Institut für angepasste Kleinbäuerliche Landwirtschaft und Tierhaltung, eine gemeinnützige Organisation im Zentrum der semi-ariden Region Brasiliens, die mit fast 900.000 km² so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen ist. Seit über 20 Jahren arbeitet IRPAA mit den Kleinbauern und –bäuerinnen, um neue klimagerechte Wirtschafts- und Lebensformen zu vermitteln. Um in dem Trockengebiet mit seinen immer wiederkehrenden Dürreperioden und dem permanenten Wassermangel überleben zu können, braucht es ausreichend Grund und Boden und eine genaue Kenntnis über angepasste Lebensweisen und landwirtschaftliche Produktionstechniken.

Schon in die Schulen soll dieses Wissen einfließen und in die Lehrpläne integriert werden, damit die Kinder ihre Gegend kennen lernen und erfahren, wie das Leben hier im Einklang mit der Natur gestaltet werden kann. In der Region hat es schon sechs Jahre lang kaum geregnet, von den 1.100 Gemeinden der Region haben 700 bereits aufgrund der Dürre den Ausnahmezustand angemeldet. Diese Dürreperiode summiert sich mit der „politischen Dürre“, und in Summe bedeutet dies für die Kleinbäuer/innenfamilien, dass sie um ihr Überleben zittern müssen. Durch den fehlenden Regen fällt die Ernte aus. Staatliche Sozialprogramme wurden gekürzt, und durch die bevorstehende Pensionsreform können sie nicht mehr wie bisher mit 55 (Frauen) und 60 Jahren (Männer) als Landarbeiter/innen in Pension gehen und einen Mindestlohn Rente beziehen (ca. 260 EUR im Monat), sondern um Jahre später. Unsere Projektpartner/innen sehen darin eine bewusste Strategie, die Kleinbauernfamilien Stück für Stück vom Land zu vertreiben, um Bergbaufirmen und Plantagenwirtschaft Platz zu machen. In der Region befindet sich die größte bewässerte Zuckerrohrplantage Lateinamerikas, 20.000 ha nur Zuckerrohr, und das mit gratis Bewässerung, während die Kleinbauernfamilien daneben nicht einmal Trinkwasser haben.

Aber nirgendwo zeigt sich der Niedergang des Landes so deutlich wie im Bildungssystem: Die Schulen in der Region werden unter dem Stichwort „nucleação“ (dt. Kernbildung) zusammengelegt. Gab es im Jahr 2005 noch 62 Schulen am Land, sind es jetzt nur mehr 25. Die Kinder werden mit Klapperbussen in bis zu 30 km entfernte Orte gebracht. Die Fahrt dauert jedes Mal eine halbe Ewigkeit, denn es geht über unbefestigte Schotterpisten. Die Koordinatorin der Schulbehörde in Uaua klagt über eine hohe Drop-out-Rate. Kein Wunder, immer mehr Eltern schicken ihre Kinder ganz einfach nicht mehr in die Schule. Anreiz für den Schulbesuch war immer eine gesunde Mahlzeit für alle Schüler/innen. Aber die 35 Centavos (= 0,9 Cent) sind sogar für eine Jause zu wenig. Da die Gemeinden für die Schulerhaltung der Grundschulen zuständig sind, versuchen diese jetzt die Schulen zu privatisieren. Lehrer/innen werden nicht mehr fix angestellt sondern „sind über Leihfirmen nur im Bedarfsfall zu engagieren“. „Wo soll das enden, wenn unsere Kinder nicht einmal mehr die Chance haben, lesen und schreiben zu lernen? Wir stehen jetzt da, wo wir vor 20 Jahren waren,“ berichtet der Projektpartner.

In diesem Ton geht es die ganze Reise über weiter. Überall wo ich hinkomme, berichten die Menschen über die Demontage des Rechtsstaates im Eiltempo. Korruptionsskandale, Schmiergeldzahlungen, Steuerbefreiungen von einflussreichen Firmen und Politiker/innen sind längst Alltag. Auch Präsident Temer ist angezählt. Eduardo Cunha, der ehemalige Spitzenpolitiker und radikale evangelikale Radioprediger leitete vor einem Jahr noch das Impeachment-Verfahren gegen Dilma Rousseff. Mittlerweile sitzt er selbst im Gefängnis und behauptet, von Temer Schweigegeldzahlungen erhalten zu haben.

Brasilien, das Land der Zukunft, geht ungewissen Tagen entgegen. Jetzt gerade können wir unsere Partnerorganisationen nur dabei unterstützen, weiterzumachen, den Mut und die Hoffnung auf bessere und gerechtere Tage nicht zu verlieren und die Demokratie und ihre verfassungsmäßig abgesicherten Rechte vehement zu verteidigen. Und das ist eine schwere und immer öfter auch äußerst (lebens)gefährliche Aufgabe.

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Brasilien – der große Sprung zurück

Nachschauen, woher das Lötzinn kommt

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Unser Anwaltschaftskoordinator Herbert Wasserbauer war in Bolivien, um zu recherchieren, woher die Rohstoffe der Digitalisierung kommen. Er koordiniert das gleichnamige Projekt, das gemeinsam mit Südwind, GLOBAL 2000, NeSoVe und Finance & Trade Watch durchgeführt wird.

Um sechs Uhr morgens starten wir los, um das Bergbaustädtchen Huanuni, die „Zinnhauptstadt Boliviens“  zu besuchen, wo seit der Zeit des berüchtigten Zinn-Barons Simón Patiño, vor über 100 Jahren, das weiche Schwermetall abgebaut wird. Auf dem Weg wird mir erzählt, dass vielen Millionen Steuergeld in die verstaatliche Mine geht, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Zu billig ist der „Bodenschatz“ auf den Weltmärkten.

Als die Morgensonne langsam das Tal auszuleuchten beginnt, machen wir Halt an der Sección Relaves: Kleine Rückhaltbecken stauen das rostbraune Flusswasser auf. Zwischen allerhand Gerümpel schaufeln Männer Zinnerz-haltigen Schlamm auf Holzrutschen, geben noch ein Portion Chemie-Kerosin-Cocktail darauf und lassen das Wasser drüber fließen. In einer Grube wird alles aufgefangen. Das Mineral sondert sich vom Schlamm ab. Wenn man den Vorgang dreimal wiederholt, erhält man reineres Mineral, als im Verarbeitungsbetrieb.

Nach einem kurzen Frühstück geht’s zur Werksbesichtigung. Überall in der Stadt sind mineros mit ihren dunkelbraunen Helmen unterwegs. Doña Claudia ist für die Werkssicherheit zuständig und führt uns herum. Demonstrativ erinnert sie ihre Kolleg/innen an das Tragen des Helmes. Über einen uralten Schrägaufzug mit Seilantrieb gelangen wir gemeinsam mit einigen Minenarbeitern zum Stolleneingang. Einige Kumpels warten auf die Einfahrt an ihren Arbeitsplatz bis zu 340 Meter unter Tage. In Plastiksäcken haben sie Coca-Blätter dabei und auch ihre ausgebeulten Wangen zeugen davon. Seit den ausbeuterischen Kolonialzeiten hat das Kauen von Coca die auszehrenden Arbeiten im Berg etwas erträglicher gemacht. Bis zu 35° hat es in den untersten Ebenen. Wenn man im Winter bei minus 15° verschwitzt und erschöpft an die Oberfläche kommt, wird man leicht krank.

Neben der Rampe, die seit einigen Jahren auch die Zufahrt von LKWs bis tief unter die Erde ermöglicht, beginnt die Führung durch das Innere der Mine. In verschiedenen Arbeitsschritten wird das Erz maschinell zerkleinert, zermahlen und das Mineral auf Sieb- und Rüttelplatten vom tauben Gestein abgesondert. „Alles mehr als 80 Jahre alt“, erklärt Claudia. Sie zeigt uns, dass sie Sperrtafeln auf die Bedienschränke der großen Maschinen hängt, wenn diese gewartet werden. Im letzten Jahr sind zwei Arbeiter zu Tode gekommen, als sie eine Gesteinsmühle von innen reparierten und diese unwissend in Betrieb genommen wurden. Neben den Becken, in denen die Schwefelanteile chemisch abgetrennt werden, wohnt der Tio: eine geschmückte Figur aus reinem Mineral, die eine Art „guten Teufel“ darstellt. Vor allem im Karneval teilen die Kumpel Bier, Zigaretten uä. mit, damit er sie mit dem nötigen Glück versorgt.

Wieder einmal geht’s an einem rauschenden Wasserkanal vorbei, der zu einem Sammelbecken führt. Doña Claudia erklärt, dass das Wasser hier im Kreislauf verwendet wird. Nur wenn es zu stark verschmutzt ist, sei es notwendig, es zu wechseln. Dann wird das belastete Wasser einfach in den Fluss abgelassen, bestätigt sie auf Nachfrage. An einem ratternden Stutzen füllt ein Arbeiter das getrocknete pulverförmige Mineral in eine Scheibtruhe. Unter Aufsicht von zwei Soldaten wird es schließlich auf einen LKW geladen. Die Werkstour endet.

Gemeinsam mit den Kolleg/innen von DKA-Partnerorganisation Centro de Apoyo a la Educación Popular fahren wir noch das neue Werk besuchen, von der man sich deutlich höhere Effizienz und geringere Umweltauswirkungen erwartet. Seit beinahe zwei Jahren ist die mit chinesischer Ingenieurskunst bestückte Halle einsatzbereit. Da aber der notwendige Rückhaltedamm noch nicht fertig ist und außerdem das nötige Wasser zum Betrieb noch nicht gesichert ist, konnte es bisher nicht in Betrieb gehen. Vorübergehend hat man einen Hilfsdamm oberhalb der Stadt errichtet. Bei den letzten starken Regenfällen ist aber ein Teil abgerutscht und es gibt viele Risse. „Wenn der wirklich mit Wasser gefüllt wird, haben wir es mit einer Zeitbombe zu tun“, erklärt man mir besorgt.

Wir kommen auf die soziale Situation in der Stadt zu sprechen. „Weil die Bergleute bei jedem Schichtbeginn damit rechnen, nicht mehr heil aus dem Berg zu kommen, leben sie sehr im Heute“, erklären mir die NGO-Mitarbeiter/innen. Mülltrennen oder stabile Beziehungen zu Frauen stehen da nicht unbedingt ganz oben auf der Prioritätenliste. Das merkt man auch in der Stadt. Wir gehen noch zum Denkmal, das an den Aufenthalt des Revolutionsführers Che Guevara mit den Bergarbeitern Huanunis erinnert.
Mit einem beklemmenden Gefühl verlasse ich den Ort, aus dem möglichweise das Material für die Lötstellen in meinem Laptop, auf dem ich diese Zeilen schreibe, kommt…

 

 

Nachschauen, woher das Lötzinn kommt

Nicaragua: Dream, Believe, Achieve

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Bei einem Workshop für 80 Kinder und Jugendliche der Organisation FUNARTE trägt ein Mädchen ein T-Shirt mit diesem Aufdruck: Dream – Believe – Achieve

„Wie passend“, geht es mir durch den Kopf. Ich besuche FUNARTE hier im Norden von Nicaragua, um deren Arbeit kennen zu lernen. Die Dreikönigsaktion unterstützt FUNARTE nun seit einigen Jahren.

Über zwanzig Jahre nach den freien Wahlen 1990 gilt Nicaragua als eines der ärmsten Länder in der Region. Die Gründe sind vielfältig, innerer und äußerer Natur. Viele Menschen verlassen das Land, weil sie woanders mehr Chancen sehen. So werden teilweise 15-, 16-jährige Jugendliche zu Haushaltsvorständen. Wie zum Beispiel Javier, der erzählt, dass seine Mutter im Ausland lebt, um Geld für die Familie zu verdienen und sein Vater von früh bis spät in einer Tabakfabrik arbeitet. Javier geht noch zur Schule,  kümmert sich davor und danach um seine beiden Schwestern, ist in der Pfarrjugend engagiert und eben auch bei FUNARTE.

In diesem Umfeld ist es nur allzu verständlich, dass  Kinder und Jugendliche einen Raum benötigen, in dem sie sich der Alltagssorgen entledigen können. Dort wo sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt werden, wo sie lernen wie man Konflikte ohne Gewalt löst und vieles mehr –  um später etwas zur positiven Entwicklung ihrer Gesellschaft beitragen zu können. Es geht darum den Kindern und Jugendlichen tragfähige Beziehungen anzubieten, damit sie Orientierung, Gleichberechtigung und Solidarität erleben und lernen können.

FUNARTE hat als pädagogische Methode einen künstlerischen Zugang entwickelt, der den Kindern und Jugendlichen hilft ihre Probleme kreativ zum Ausdruck zu bringen. „Die Kunst ist unser Werkzeug“, bringt  die Programmleiterin von FUNARTE es auf den Punkt. Einmal pro Woche werden alle Kinder und Jugendlichen, vor allem jene aus prekären Familienverhältnissen, eingeladen an Workshops teilzunehmen. Diese folgen dem Motto: Dream – Believe – Achieve.

Am Beginn steht eine Geschichte, die ein bestimmtes Thema, Umweltschutz, Freundschaft, Gleichheit von Mann und Frau, …, aufgreift und je nach Altersstufe den Kindern aufbereitet. Anschließend werden große Bögen Papier und Farben bereitgestellt. 80 junge Menschen malen, was ihnen zur Geschichte einfällt oder was ihnen wichtig ist. Freiwillige von FUNARTE helfen ihnen und besprechen mit ihnen Gefühle, Vorstellungen, Probleme, Schönes.

Durch das freie Zeichnen finden die Kinder und Jugendliche eine Ausdrucksmöglichkeit. Wenn reden schwerfällt, sind Stifte und Papier ein erprobtes Hilfsmittel. Das Ergebnis ist nicht so wichtig – aber ich schaue um mich und sehe Kunstwerk an Kunstwerk gereiht.

Seit über 20 Jahren bietet FUNARTE nicht nur Workshops an, sondern es werden auch Murales, Wandmalereien, durch die Kinder und Jugendliche konzipiert und so wichtige Themen wie soziales Verhalten in der Schule und Gemeinde, Mülltrennung, Tierschutz an die Wände der Stadt gebracht. FUNARTE ist geschätzt. Vor wenigen Jahren hat auch das Bildungsministerium diesen Bildungsansatz ausgezeichnet und FUNARTE gebeten, landesweit Fortbildungen für Lehrer und Lehrerinnen durchzuführen – damit der Schulunterricht durch Kunst bereichert werden kann.

Dream, Believe, Achieve – einige der Teammitglieder sind als Kinder zu FUNARTE gestoßen und haben einen Raum vorgefunden, der ihr Leben positiv verändert hat. Sie bringen sich nun aktiv in ihrer Gemeinde ein und unterstützen ihrerseits wieder Kinder dabei, positive Lernerfahrungen in einem sonst oft tristen Alltag zu erleben.

Jakob Wieser, Geschäftsführer Dreikönigsaktion

 

 

 

 

Nicaragua: Dream, Believe, Achieve

Ein gutes Leben für alle! – und was es mit Handy und Maus zu tun hat

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Herbert Wasserbauer, Koordinator für Anwaltschaft der Dreikönigsaktion, bloggt mit seiner neuen fairen Computermaus von nager-it.de

 

Gedankensplitter zum Kongress an der WU Wien, 9.-11.2.2017

Für einen Kongress an der Wirtschaftsuniversität wurde es mit einem Mal unerwartet konkret und persönlich: „Was ist für dich ein gutes Leben?“ sollten wir zu dritt in drei Minuten diskutieren. Kalt gefragt, hatte ich doch ein paar Elemente parat: Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft sein, einer sinnstiftende Tätigkeit nachgehen, Reisen können, gestillte Grundbedürfnisse (Essen, Frieden, Sicherheit, ein Dach über dem Kopf), Natur erleben, Spiritualität, mehr Zeit haben…

Und dann die knallharte zweite Frage: Ist dieser Lebensstil verallgemeinerbar? Ist das ein gutes Leben für alle? Ähhhm. Also ein paar Dinge, an denen ich mich abmühe würde ich gern von allen umgesetzt sehen … aber… mit dem Nachtzug kommt man schon (irgendwie) nach Brüssel  aber nach Bukarest dauert es indiskutabel lang, darum zuletzt doch geflogen. Mein Handy funktionierte noch tip-top, aber weil die Software veraltet war und letztlich nichts mehr ging, war unlängst doch ein neues (ok, ein Fairphone!) fällig… die ehrliche Antwort ist wohl trotzdem Nein.

Wie kann nun tatsächlich ein Prozess in Gang kommen, der zu einem guten Leben für alle führt? Nur durch bewussten und kritischen Konsum der/des Einzelnen allein wohl nicht. Es braucht tiefgreifende Veränderungen in unserer Gesellschaft, in unserem Wirtschaftssystem und damit auch eine Politik, die die zentralen Zukunftsfragen konsequent angeht.

Beispiel Konsumelektronik: In unserem Workshop „Energie-und Ressourcenwende“ wurde sehr klar: Unser übermäßiger Verbrauch von Energie und Rohstoffen verunmöglicht derzeit ein gutes Leben in Ländern des Globalen Süden. Haarsträubende Auswirkungen zeitigt etwa der illegale Abbau von Tantal in Bolivien. Es liegt auf der Hand, dass unser unfairer, übermäßiger, umweltzerstörender (Primär-)Rohstoffverbrauch verringert werden muss und dafür braucht es klare Regeln und verbindliche Reduktionsziele.

Und darüber hinaus gibt es spannende Initiativen und Ansätze: Das im Workshop vertretene Team des Start-up Unternehmens Nager IT, hat es sich in den Kopf gesetzt, eine faire Computermaus herzustellen und recherchiert dafür penibel die Lieferketten jedes Kondensators, jedes Drahtstücks und Kunststoffteils und versucht Verbesserungen zu erreichen. Auch wenn es sich um ein kleines Nischenprodukt handelt, die Richtung stimmt: faire Arbeitsbedingungen und Minimierung des ökologischen Fußabdrucks in der Produktion, Transparenz in den Lieferketten, ein langlebiges, reparierbares und recyclingfähiges Produkt.

Derartige Bemühungen müssen verbindlich für die gesamte Branche werden, so ein Resümee des Workshops:

  • Verteidigung der Rechte und Entwicklungschancen jener Menschen, die vom Rohstoffraubbau betroffen sind.
  • Es braucht faire Bergbaugesetze und Handelsbeziehungen.
  • Vorschriften für Öko-Design und Kreislaufwirtschaft müssen ambitionierte politische Vorgaben sein.

„Gutes Leben für alle ist eine konkrete Utopie einer Zivilisation, die nicht auf Kosten anderer lebt“, so eine der zentralen Thesen von Andreas Novy zur Eröffnung des dreitägigen Kongresses an der Wirtschaftsuniversität Wien, den die Dreikönigsaktion als Kooperationspartnerin und durch Mitveranstaltung zweier Workshops unterstützte.

Radio Tipp: ö1 Praxis – MI | 15.2.2017 | 16:00 Uhr

Beitrag von Kathpress zum Kongress

 

 

Ein gutes Leben für alle! – und was es mit Handy und Maus zu tun hat

Sister Mary von Nairobi

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TV Tipp: Kreuz und Quer – Sister Mary Di, 21.02.2017 | 22:35-23:25 | ORF 2

Seit den 1980ern finanziert und begleitet die Dreikönigsaktion Projekte von Sr. Mary Killeen in den Slums von Nairobi. „Kreuz und Quer“ zeigt ein Porträt der „Mutter der Kinder von Mukuru“, Schwester Mary Killeen, die sich der Ärmsten der Armen annimmt. Geboren in einem Vorort Dublin, ließ sie sich vor über 40 Jahren nach Afrika versetzen.

Die kleine Mary wächst in der Nachkriegszeit in einem Vorort Dublins in ärmlichen Verhältnissen auf. Sie ist eines von sieben Kindern. Ihr Weg scheint vorgezeichnet – in einem erzkonservativen, katholischen Umfeld und Elternhaus. Die Schule, die erste große Liebe – vielleicht schon der Partner fürs ganze Leben? Doch diese Perspektive ist für Mary wenig attraktiv. Sie sucht das Abenteuer, wenn auch auf ungewöhnliche Weise: Der Orden „Sisters of Mercy“ bietet ihr eine Chance, das traditionsverhaftete Irland hinter sich zu lassen. Sie lässt sich nach Afrika versetzen und taucht dort ein, in eine nahezu unüberschaubare Welt der Not und Armut. Hier findet die temperamentvolle Frau ihr neues Zuhause – in den größten Armenvierteln Afrikas. Jenen von Nairobi. Das ist nun vierzig Jahre her. Heute gilt die mittlerweile 72 jährige als „Mutter der Kinder von Mukuru“. 800.000 Menschen leben in diesem – neben Kibera – größten Slum Nairobis. Sie gründet Schulen und Berufszentren für die Ärmsten der Armen gibt ihnen damit eine realistische Hoffnung auf ein Leben außerhalb dieser Hölle aus Elend, Gewalt und Verbrechen.

Die Arbeit von Sr. Mary und ihrem Team in den Slums von Nairobi war auch Thema der ORF-Doku „Hilfe unter gutem Stern – im größten Armenviertel Afrikas“. Auf Wunsch senden wir ihnen gerne eine DVD zu: office@dka.at

Sister Mary von Nairobi

Vom Frieden für Menschen auf Erden

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Vor einer Woche berichtete MISEREOR, unser deutscher Partner, vom Mord an dem 22 Jahre alten Jeremy Barrios Lima, einem Mitarbeiter der MISEREOR-Partnerorganisation CALAS aus Guatemala. Er wurde mit zwei Kopfschüssen gezielt getötet. Die Gewalt ist in dem mittelamerikanischen Land Alltag geworden.

Wie sehr, zeigt uns auf erschreckende Weise die Aussage von Jennifer. Die 17 Jährige lebt Chimaltenango. Auf die Frage nach ihrem sehnlichsten Wunsch lautet ihre Antwort: Wenn sie in der Früh aus dem Haus geht will sie keine Angst mehr haben müssen, dass sie ihre Mutter und ihre Schwester am Abend lebend wiedersieht.“ Jennifer träumt von Sicherheit, von einem Leben in Frieden.

“Friede den Menschen auf Erden”, singen die Engel in der Geburtsgeschichte Jesu im Lukasevangelium. Dieser „Friede auf Erden” ist kein Wunsch, sondern eine Zusage Gottes. Er ist sozusagen das Weihnachtsgeschenk an die Menschen zur Geburt von Jesus. Der Friede von dem der Engel spricht ist mehr als eine schriftliche Erklärung, ein Abkommen oder ein Programm. Er zielt nicht einfach auf Ruhe, Harmonie und die Abwesenheit von Konflikt und Streit.

Die Bibel hat eine umfassende Vorstellung vom Frieden. Ihr geht es um ein Leben in gerechten Beziehungen, um das Wohlergehen aller, nicht allein der Menschen, sondern der ganzen Schöpfung.

Es herrscht Friede, wenn und vor allem auch weil es nach Gottes Willen – für alle genug gibt von dem, was zum Leben notwendig ist.

Das Evangelium ist die Einladung zu einem solchen Leben, mehr noch – eigentlich eine „Kampfansage“ sich für eine solche Welt stark zu machen, damit Jennifers Wunsch eines Tages in Erfüllung geht. Für diese „Kampfansage“ gehen in ein paar Tagen Tausende Sternsingerinnen und Sternsinger von Haus zu Haus.

#stern17 – christian.herret@dka.at

Vom Frieden für Menschen auf Erden

Wer arm ist, ist auch faul?

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Die – schon ein paar Jahre alte – Umfrage ist mir wieder in die Hände gefallen: Wer arm ist, sei meistens auch faul und damit selber schuld, denkt fast die Hälfte der Jugendlichen in unserem Lande. Nur jeder fünfte glaubt, dass Armut auf Ungerechtigkeit in der Gesellschaft zurückzuführen ist. Viele Jugendliche sind demnach stark auf sich selber und den eigenen Erfolg konzentriert. Die Ergebnisse einer Studie der Jugendkulturforschung sind nicht besonders beruhigend. Aber wundert uns das wirklich?

„Leistung muss sich wieder auszahlen.“ Ohne über den tieferen Inhalt und die Wirkungen einer solchen Botschaft nachzudenken wurde dieser Slogan über viele Jahre hinweg von unzähligen Politikerinnen und Politikern als leere Floskel daher geplappert. Mit zweifelhaftem Erfolg: Das so oft geforderte Leistungsdenken dürfte bei vielen Jugendlichen stärker angekommen sein als beabsichtigt.

Rund um den Dreikönigstag ziehen Kinder und Jugendliche mit einer ganz anderen Botschaft von Haus zu Haus: Unsere Sternsingerinnen und Sternsinger singen und werben für anscheinend überholte Werte wie Solidarität und Nächstenliebe.

Beim Sternsingen machen sie die Erfahrung, dass es im Leben einen Wert darstellt, sich für etwas einzusetzen, wofür sie nicht materiell belohnt werden. In unserer leistungsorientierten Welt stellt dies für junge Menschen eine oft bereits „exotische“ Erfahrung dar. Aber wie viele exotischen Erfahrungen dienen gerade diese dazu ein Leben zu bereichern.

#stern17 – christian.herret@dka.at

Wer arm ist, ist auch faul?