Schlamm drüber?

Betroffene des Bergwerk-Desasters von Mariana fordern Entschädigung von europäischen Unternehmen.

 

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Am 5. November 2015 ereignete sich die schlimmste Umweltkatastrophe Brasiliens. Ein Rückhaltebecken einer Eisenerzmine im Bundesstaat Minas Gerais brach und fünfzig Millionen Kubikmeter giftiger Schlamm machten sich auf den Weg zum Atlantik. Dabei begrub der Schlamm 19 Menschen unter sich, verseuchte auf einer Strecke von 600 km den Fluss Rio Doce, zerstörte Dörfer, Äcker, Gemeinden, tötete Tiere, vernichtete die Lebensgrundlage von 15.000 Fischer/innen und brachte 3,5 Millionen Bewohner/innen der Region um den Verlust des Wasserzugangs. Bis heute sind die Dörfer nicht wieder aufgebaut, Fluss und Boden auf unabsehbare Zukunft verseucht.

Betreiberfirma der Eisenerzmine ist das brasilianische Unternehmen Samarco Mineração. Das Unternehmen gehört zu je 50% den Bergbaugiganten Vale S.A. und der anglo-australischen BHP Billiton Brasil und wurde von europäischen Banken in Millionenhöhe gefördert. Trotz unzähliger anhängiger juristischer Verfahren, auch gegen das anglo-australische Unternehmen BHP Billiton Brasil, warten die Betroffenen der Katastrophe von Mariana bis heute auf angemessene Entschädigung. Die Unternehmen wollen von ihrer (Mit)Verantwortung nichts wissen und verzögern die Verfahren. Dabei sollen sie von den Risiken des Dammbruchs gewusst und aus Kostengründen keine Sicherheitsmaßnahmen ergriffen haben.

30 Monate nach dem Dammbruch machten sich die Betroffene Lilica Silva und der Aktivist Joceli Andrioli auf den Weg nach Europa, um die Verantwortung auch europäischer Unternehmen für die Katastrophe von Mariana einzufordern. Sie sprachen mit Politiker/innen und Beamt/innen in Deutschland und Brüssel, berichteten auf dem Katholikentag in Münster und nahmen an der Aktionärsversammlung der Deutschen Bank in Frankfurt teil.

Am 15. Mai hatten Joceli und Lilica Gelegenheit in Wien über den Hergang und die Auswirkungen der Katastrophe und ihre europäischen Verstrickungen  zu berichten.

In einer Kommentarrunde forderten Karin Küblböck von der ÖfSE die Berücksichtigung von Menschenrechtsklauseln in der Handelspolitik; Konrad Rehling von der AG Rohstoffe ein sozial-ökologisches Upgrade der österreichischen Rohstoffstrategie; Sabine Stelczenmayr vom ÖGB International die globale Verantwortung von multinationalen Unternehmen und Marieta Kaufmann von der Dreikönigsaktion die Einführung von menschenrechtlichen Sorgfaltsprüfungspflichten von Mutterunternehmen für ihre Tochter und Subunternehmen ein.

„Nichts ist mehr, wie es vorher war, alles hat sich geändert“, resümiert Lilica. Auf die Frage des ORF, was sie Österreich mitgeben will, antwortet sie zögerlich: „Ich will mein Leben zurück.“ Schlamm drüber? Nicht für die Betroffenen.

Weitere Informationen:

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Schlamm drüber?

Nachschauen, woher das Lötzinn kommt

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Unser Anwaltschaftskoordinator Herbert Wasserbauer war in Bolivien, um zu recherchieren, woher die Rohstoffe der Digitalisierung kommen. Er koordiniert das gleichnamige Projekt, das gemeinsam mit Südwind, GLOBAL 2000, NeSoVe und Finance & Trade Watch durchgeführt wird.

Um sechs Uhr morgens starten wir los, um das Bergbaustädtchen Huanuni, die „Zinnhauptstadt Boliviens“  zu besuchen, wo seit der Zeit des berüchtigten Zinn-Barons Simón Patiño, vor über 100 Jahren, das weiche Schwermetall abgebaut wird. Auf dem Weg wird mir erzählt, dass vielen Millionen Steuergeld in die verstaatliche Mine geht, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Zu billig ist der „Bodenschatz“ auf den Weltmärkten.

Als die Morgensonne langsam das Tal auszuleuchten beginnt, machen wir Halt an der Sección Relaves: Kleine Rückhaltbecken stauen das rostbraune Flusswasser auf. Zwischen allerhand Gerümpel schaufeln Männer Zinnerz-haltigen Schlamm auf Holzrutschen, geben noch ein Portion Chemie-Kerosin-Cocktail darauf und lassen das Wasser drüber fließen. In einer Grube wird alles aufgefangen. Das Mineral sondert sich vom Schlamm ab. Wenn man den Vorgang dreimal wiederholt, erhält man reineres Mineral, als im Verarbeitungsbetrieb.

Nach einem kurzen Frühstück geht’s zur Werksbesichtigung. Überall in der Stadt sind mineros mit ihren dunkelbraunen Helmen unterwegs. Doña Claudia ist für die Werkssicherheit zuständig und führt uns herum. Demonstrativ erinnert sie ihre Kolleg/innen an das Tragen des Helmes. Über einen uralten Schrägaufzug mit Seilantrieb gelangen wir gemeinsam mit einigen Minenarbeitern zum Stolleneingang. Einige Kumpels warten auf die Einfahrt an ihren Arbeitsplatz bis zu 340 Meter unter Tage. In Plastiksäcken haben sie Coca-Blätter dabei und auch ihre ausgebeulten Wangen zeugen davon. Seit den ausbeuterischen Kolonialzeiten hat das Kauen von Coca die auszehrenden Arbeiten im Berg etwas erträglicher gemacht. Bis zu 35° hat es in den untersten Ebenen. Wenn man im Winter bei minus 15° verschwitzt und erschöpft an die Oberfläche kommt, wird man leicht krank.

Neben der Rampe, die seit einigen Jahren auch die Zufahrt von LKWs bis tief unter die Erde ermöglicht, beginnt die Führung durch das Innere der Mine. In verschiedenen Arbeitsschritten wird das Erz maschinell zerkleinert, zermahlen und das Mineral auf Sieb- und Rüttelplatten vom tauben Gestein abgesondert. „Alles mehr als 80 Jahre alt“, erklärt Claudia. Sie zeigt uns, dass sie Sperrtafeln auf die Bedienschränke der großen Maschinen hängt, wenn diese gewartet werden. Im letzten Jahr sind zwei Arbeiter zu Tode gekommen, als sie eine Gesteinsmühle von innen reparierten und diese unwissend in Betrieb genommen wurden. Neben den Becken, in denen die Schwefelanteile chemisch abgetrennt werden, wohnt der Tio: eine geschmückte Figur aus reinem Mineral, die eine Art „guten Teufel“ darstellt. Vor allem im Karneval teilen die Kumpel Bier, Zigaretten uä. mit, damit er sie mit dem nötigen Glück versorgt.

Wieder einmal geht’s an einem rauschenden Wasserkanal vorbei, der zu einem Sammelbecken führt. Doña Claudia erklärt, dass das Wasser hier im Kreislauf verwendet wird. Nur wenn es zu stark verschmutzt ist, sei es notwendig, es zu wechseln. Dann wird das belastete Wasser einfach in den Fluss abgelassen, bestätigt sie auf Nachfrage. An einem ratternden Stutzen füllt ein Arbeiter das getrocknete pulverförmige Mineral in eine Scheibtruhe. Unter Aufsicht von zwei Soldaten wird es schließlich auf einen LKW geladen. Die Werkstour endet.

Gemeinsam mit den Kolleg/innen von DKA-Partnerorganisation Centro de Apoyo a la Educación Popular fahren wir noch das neue Werk besuchen, von der man sich deutlich höhere Effizienz und geringere Umweltauswirkungen erwartet. Seit beinahe zwei Jahren ist die mit chinesischer Ingenieurskunst bestückte Halle einsatzbereit. Da aber der notwendige Rückhaltedamm noch nicht fertig ist und außerdem das nötige Wasser zum Betrieb noch nicht gesichert ist, konnte es bisher nicht in Betrieb gehen. Vorübergehend hat man einen Hilfsdamm oberhalb der Stadt errichtet. Bei den letzten starken Regenfällen ist aber ein Teil abgerutscht und es gibt viele Risse. „Wenn der wirklich mit Wasser gefüllt wird, haben wir es mit einer Zeitbombe zu tun“, erklärt man mir besorgt.

Wir kommen auf die soziale Situation in der Stadt zu sprechen. „Weil die Bergleute bei jedem Schichtbeginn damit rechnen, nicht mehr heil aus dem Berg zu kommen, leben sie sehr im Heute“, erklären mir die NGO-Mitarbeiter/innen. Mülltrennen oder stabile Beziehungen zu Frauen stehen da nicht unbedingt ganz oben auf der Prioritätenliste. Das merkt man auch in der Stadt. Wir gehen noch zum Denkmal, das an den Aufenthalt des Revolutionsführers Che Guevara mit den Bergarbeitern Huanunis erinnert.
Mit einem beklemmenden Gefühl verlasse ich den Ort, aus dem möglichweise das Material für die Lötstellen in meinem Laptop, auf dem ich diese Zeilen schreibe, kommt…

 

 

Nachschauen, woher das Lötzinn kommt