Brasilien – der große Sprung zurück

 

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Angela Kemper, Brasilienreferentin der Dreikönigsaktion, berichtet aus Brasilien.

Es ist 22.45 Uhr und ich komme am Flughafen Recife in Nordostbrasilien an. Mein Koffer ist nicht mit mir gereist, und schneller als mir lieb ist, bin ich mitten in der brasilianischen Bürokratie.

 

Nach dem Anstellen beim Reklamationsschalter und der Aufnahme des Protokolls gleich noch eine Kontrolle des Handgepäcks und ich bin froh, dass der Taxifahrer, den unser Projektpartner geschickt hat, die zweieinhalb Stunden gewartet hat. Ein tropischer Regenguss begleitet unsere Fahrt in die Unterkunft und schlägt wie im Rhythmus zu den Geschichten, die der Taxifahrer parat hat. Schrecklich sei es hier, es herrsche eine Art Ausnahmezustand, die Bürgerrechte werden eingeschränkt, die Pensionen gekürzt, Gesundheits- und Bildungspolitik werden zu Tode gespart, Korruption ist überall, Gewalt in den Städten und am Land sind mittlerweile Alltag. Der Mix aus Jetlag, Müdigkeit, Starkregen und den Schauergeschichten klingt noch nach, bis ich endlich im Bett liege.

Nach einer kurzen Nacht geht die Arbeit los. Auf dem Weg zum ersten Projektbesuch möchte mir ein etwa neunjähriger Bub auf der Straße Wasser verkaufen. Ich frage ihn warum er denn nicht in der Schule sei und die Antwort kommt prompt: „Die Schule ist geschlossen, wir haben kein Wasser dort!“ Alltag im Schwellenland Brasilien. Ich erinnere mich an die besetzten Schulen vor circa einem Jahr vor der Eröffnung der Olympischen Spiele. Die Schüler/innen in Rio de Janeiro kritisierten, dass es Geld für die Olympischen Spiele gebe, aber das Geld für Infrastruktur und Bildung fehle. In ganz Brasilien waren mehr als 1000 Schulen sowie einige Unis von Schüler/innen und Student/innen besetzt. Der Protest richtete sich gegen das marode Bildungssystem und konkret gegen das erste große Projekt der Regierung von Präsident Michel Temer, einen Verfassungszusatz, der eine Haushaltsausgabenbremse für die kommenden 20! Jahre festschreibt. Die Staatsausgaben dürfen demnach nur noch im Tempo der Inflation steigen. Damit will Temer die kriselnde Wirtschaft beleben, indem er, wie es bei solchen Plänen gerne heißt, „das Vertrauen der Märkte“ zurückgewinnt.

Das Schulthema begleitet mich noch weiter. In Juazeiro, 700 km landeinwärts, unterstützt die Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar IRPAA (www.irpaa.org), das Regionale Institut für angepasste Kleinbäuerliche Landwirtschaft und Tierhaltung, eine gemeinnützige Organisation im Zentrum der semi-ariden Region Brasiliens, die mit fast 900.000 km² so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen ist. Seit über 20 Jahren arbeitet IRPAA mit den Kleinbauern und –bäuerinnen, um neue klimagerechte Wirtschafts- und Lebensformen zu vermitteln. Um in dem Trockengebiet mit seinen immer wiederkehrenden Dürreperioden und dem permanenten Wassermangel überleben zu können, braucht es ausreichend Grund und Boden und eine genaue Kenntnis über angepasste Lebensweisen und landwirtschaftliche Produktionstechniken.

Schon in die Schulen soll dieses Wissen einfließen und in die Lehrpläne integriert werden, damit die Kinder ihre Gegend kennen lernen und erfahren, wie das Leben hier im Einklang mit der Natur gestaltet werden kann. In der Region hat es schon sechs Jahre lang kaum geregnet, von den 1.100 Gemeinden der Region haben 700 bereits aufgrund der Dürre den Ausnahmezustand angemeldet. Diese Dürreperiode summiert sich mit der „politischen Dürre“, und in Summe bedeutet dies für die Kleinbäuer/innenfamilien, dass sie um ihr Überleben zittern müssen. Durch den fehlenden Regen fällt die Ernte aus. Staatliche Sozialprogramme wurden gekürzt, und durch die bevorstehende Pensionsreform können sie nicht mehr wie bisher mit 55 (Frauen) und 60 Jahren (Männer) als Landarbeiter/innen in Pension gehen und einen Mindestlohn Rente beziehen (ca. 260 EUR im Monat), sondern um Jahre später. Unsere Projektpartner/innen sehen darin eine bewusste Strategie, die Kleinbauernfamilien Stück für Stück vom Land zu vertreiben, um Bergbaufirmen und Plantagenwirtschaft Platz zu machen. In der Region befindet sich die größte bewässerte Zuckerrohrplantage Lateinamerikas, 20.000 ha nur Zuckerrohr, und das mit gratis Bewässerung, während die Kleinbauernfamilien daneben nicht einmal Trinkwasser haben.

Aber nirgendwo zeigt sich der Niedergang des Landes so deutlich wie im Bildungssystem: Die Schulen in der Region werden unter dem Stichwort „nucleação“ (dt. Kernbildung) zusammengelegt. Gab es im Jahr 2005 noch 62 Schulen am Land, sind es jetzt nur mehr 25. Die Kinder werden mit Klapperbussen in bis zu 30 km entfernte Orte gebracht. Die Fahrt dauert jedes Mal eine halbe Ewigkeit, denn es geht über unbefestigte Schotterpisten. Die Koordinatorin der Schulbehörde in Uaua klagt über eine hohe Drop-out-Rate. Kein Wunder, immer mehr Eltern schicken ihre Kinder ganz einfach nicht mehr in die Schule. Anreiz für den Schulbesuch war immer eine gesunde Mahlzeit für alle Schüler/innen. Aber die 35 Centavos (= 0,9 Cent) sind sogar für eine Jause zu wenig. Da die Gemeinden für die Schulerhaltung der Grundschulen zuständig sind, versuchen diese jetzt die Schulen zu privatisieren. Lehrer/innen werden nicht mehr fix angestellt sondern „sind über Leihfirmen nur im Bedarfsfall zu engagieren“. „Wo soll das enden, wenn unsere Kinder nicht einmal mehr die Chance haben, lesen und schreiben zu lernen? Wir stehen jetzt da, wo wir vor 20 Jahren waren,“ berichtet der Projektpartner.

In diesem Ton geht es die ganze Reise über weiter. Überall wo ich hinkomme, berichten die Menschen über die Demontage des Rechtsstaates im Eiltempo. Korruptionsskandale, Schmiergeldzahlungen, Steuerbefreiungen von einflussreichen Firmen und Politiker/innen sind längst Alltag. Auch Präsident Temer ist angezählt. Eduardo Cunha, der ehemalige Spitzenpolitiker und radikale evangelikale Radioprediger leitete vor einem Jahr noch das Impeachment-Verfahren gegen Dilma Rousseff. Mittlerweile sitzt er selbst im Gefängnis und behauptet, von Temer Schweigegeldzahlungen erhalten zu haben.

Brasilien, das Land der Zukunft, geht ungewissen Tagen entgegen. Jetzt gerade können wir unsere Partnerorganisationen nur dabei unterstützen, weiterzumachen, den Mut und die Hoffnung auf bessere und gerechtere Tage nicht zu verlieren und die Demokratie und ihre verfassungsmäßig abgesicherten Rechte vehement zu verteidigen. Und das ist eine schwere und immer öfter auch äußerst (lebens)gefährliche Aufgabe.

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Brasilien – der große Sprung zurück

Wer arm ist, ist auch faul?

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Die – schon ein paar Jahre alte – Umfrage ist mir wieder in die Hände gefallen: Wer arm ist, sei meistens auch faul und damit selber schuld, denkt fast die Hälfte der Jugendlichen in unserem Lande. Nur jeder fünfte glaubt, dass Armut auf Ungerechtigkeit in der Gesellschaft zurückzuführen ist. Viele Jugendliche sind demnach stark auf sich selber und den eigenen Erfolg konzentriert. Die Ergebnisse einer Studie der Jugendkulturforschung sind nicht besonders beruhigend. Aber wundert uns das wirklich?

„Leistung muss sich wieder auszahlen.“ Ohne über den tieferen Inhalt und die Wirkungen einer solchen Botschaft nachzudenken wurde dieser Slogan über viele Jahre hinweg von unzähligen Politikerinnen und Politikern als leere Floskel daher geplappert. Mit zweifelhaftem Erfolg: Das so oft geforderte Leistungsdenken dürfte bei vielen Jugendlichen stärker angekommen sein als beabsichtigt.

Rund um den Dreikönigstag ziehen Kinder und Jugendliche mit einer ganz anderen Botschaft von Haus zu Haus: Unsere Sternsingerinnen und Sternsinger singen und werben für anscheinend überholte Werte wie Solidarität und Nächstenliebe.

Beim Sternsingen machen sie die Erfahrung, dass es im Leben einen Wert darstellt, sich für etwas einzusetzen, wofür sie nicht materiell belohnt werden. In unserer leistungsorientierten Welt stellt dies für junge Menschen eine oft bereits „exotische“ Erfahrung dar. Aber wie viele exotischen Erfahrungen dienen gerade diese dazu ein Leben zu bereichern.

#stern17 – christian.herret@dka.at

Wer arm ist, ist auch faul?

Damiana: Ich werde wiederkommen

„Niemand kann dieses Unrecht akzeptieren. Ich werde auf diesem Land bleiben, hier liegt unser Friedhof, hier in Apikay. Ich werde mich verteidigen. Auch wir haben Rechte, nicht nur die Weißen, wir Indigenen Guaraní-Kaiowá haben auch Rechte.  Viele Menschen sind  hier bereits ums Leben gekommen. Sie wurden getötet. Aber hier ist unser Zuhause. Ich werde wiederkommen.“

Damiana, weggejagt aus ihrem Zuhause, am Straßenrand mit ihrem Hab und Gut. Ihrer Heimat beraubt blickt sie auf die Bagger die ihre Hütten einfach wegräumen – und hat  ihre Hoffnung nicht aufgegeben.

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Fotos und Video von Raquel Carvalho Guarani Kaiowá

Apikay wird geräumt

 

 

 

Damiana: Ich werde wiederkommen

Apikay wird geräumt

6.7.2016 – Matto Grosso do Sul; Die letzte Woche war es ruhig. Damiana hat Hoffnung geschöpft, dass die Intervention der Bischofskonferenz, die vielen Proteste im Land, aber auch die vielen Solidaritätsbezeugungen aus Europa die Polizei davon abhalten wird ihr Haus zu zerstören und sie von ihrem Grund zu vertreiben. Aber heute im Morgengrauen war es soweit. Damiana muss gehen. Im Moment scheint es, als hätte sie den Kampf verloren. Unsere Projektpartnerin Rosa Colman ist bei ihr und steht Damiana und ihren Angehörigen in dieser schweren Stunde bei.

Guarani-Kaiowa – der Kampf eskaliert!

Solidarität mit Damiana wächst

Solidaritäts-Mahnwache in Apykaí

Damiana: Das Zittern geht weiter

Wir wissen wo wir hingehören“

Apikay wird geräumt

Guarani-Kaiowa – der Kampf eskaliert!

Während die Situation in Apykai ruhig ist – nicht zuletzt durch die große Aufmerksamkeits- und Solidaritätswelle, die Damiana entgegen gebracht wird, zeigt das CIMI-Video die dramatische Situation rund um die Ermordung von Claudione Rodrigues Souza in Caraapo. Stefan Kramer, Leiter Dialog- und Verbindungsstelle unserer Partnerorganisation Misereor in Brasiliav beschreibt die dramatischen Ereignisse. Zum Misereor-Blog

Nach den dramatischen Eskalationen der letzten Tage in Mato Grosso do Sul drängt jetzt auch die brasilianische Bischofskonferenz vehement auf die Einhaltung der Rechte der indigenen Völker.

Amnesty International Brasilien fordert auf einen Brief an den Justizminister, den Gouverneur von Mato Grosso do Sul zu schicken. Amnesty fordert den Stopp der Räumung von Apykai; falls das nicht möglich ist, eine adäquate Alternative, wo die Familien in Würde leben können, und den positiven Abschluss des Demarkierungsprozesses der indigenen Siedlungen.

Die Dreikönigsaktion unterstützt die Forderungen von Amnesty International Brasilien.

Amnesty International Unterstützungsaktion für Apykai – bitte mitmachen und Protestmails abschicken.

Damiana: Das Zittern geht weiter

Wir wissen wo wir hingehören“

 

Guarani-Kaiowa – der Kampf eskaliert!

Solidarität mit Damiana wächst

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Dom Henrique Aparecido (ganz leger mit Jeans und blauer Jacke) beim Solidaritätsbesuch in Apykaí.

Der Räumungstermin von Damianas Siedlung „Apykaí“ ist verstrichen, ohne dass etwas geschehen wäre. Das ist ein gutes Zeichen. Vielleicht auch deswegen, weil die Solidaritätsbekundungen für Damiana immer mehr werden. Gestern hat Dom Henrique Aparecido Lima, der Bischof von Dourados, die Retomada von Damiana besucht und seinen Beistand bekundet.

 

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DKA-Austria solidarisch mit indigenen Völkern.

Heute Nacht wurde auch das Solidaritätstransparent der Dreikönigsaktion fertig. Es wird in der Siedlung von Damiana aufgehängt und soll ein Zeichen der Solidarität aus Österreich sein. Mit unseren Wünschen und Gebeten schicken wir Mut und Energie von Vorarlberg bis Wien nach Apykaí.

Solidaritäts-Mahnwache in Apykaí

Damiana: Das Zittern geht weiter

Wir wissen wo wir hingehören“

Solidarität mit Damiana wächst

Solidaritäts-Mahnwache in Apykaí

Zur  „öffentlichen Schulstunde über die Geschichte der Guarani“ auf der Bundesstraße sind rund 50 Personen erschienen. Und die sind dann auch über Nacht geblieben und haben auf Damiana und ihre Familie aufgepasst.

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Rund 50 Leute haben auf dem Land von Damiana übernachtet und auf die bedrohten Familien aufgepasst.

 

 

 

 

Ein toter und viele verletzte Indigene in der Region Dourados

Unterdessen eskaliert laut CIMI Info die Situation zwischen Fazendeiros und Indigenen. Gestern, am 14.6. wurde der 26-jährige Indigene Claudione Rodrigues Souza ermordet, sechs weitere Indigene mussten mit Schussverletzungen ins Spital eingeliefert werden, darunter ein 12-jähriges Kind mit Bauchschuss. Der Angriff der Fazendeiros ist eine Reaktion auf eine „Retomada“, einer neuen Landbesetzung. Die Gebiete, die den Guarani-Kaiowá zur Verfügung stehen sind viel zu klein um darauf und davon leben zu können. Darum versuchen sie immer wieder durch „Retomadas“ ihre traditionellen Gebiete zurück zu bekommen.

Damiana: Das Zittern geht weiter

Wir wissen wo wir hingehören“

 

 

Solidaritäts-Mahnwache in Apykaí