Zurück in Nicaragua

 

Im November 2017 tourten Mitarbeiter/innen aus den Sternsinger-Beispielprojekten FUNARTE und CECIM durch Österreich um zu erzählen wie mit den Sternsinger-Spenden in ihrer Heimat Nicaragua geholfen wird. Im Februar durfte ich sie im Rahmen meiner Projektreise wiedersehen.

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Ein Update zur Situation in Nicaragua von Clemens Koblbauer  (Foto: Furxer)

Imer NiImer, Maybeling, Rafael, Maria, Aracely, Anielka und Carlos sind seit Anfang Dezember letzten Jahres wieder zurück in Nicaragua. In der Zwischenzeit ist bei uns und bei ihnen viel passiert.

In Österreich waren wieder zahlreiche Kinder in den Pfarren singend unterwegs, um Spendengelder zu sammeln. Was hat unsere Gäste in ihrer Heimat erwartet? Natürlich haben sich alle auf ihre Familien, Freunde, das gewohnte Umfeld und das Lieblingsessen gefreut. Außerdem hatten sie viele Erfahrungen im Gepäck, die es natürlich zu teilen galt. Besonders beeindruckt hat sie das große Interesse und die Begeisterung der Sternsinger/innen und der vielen Menschen aus den Pfarren, die sie treffen durften, Neues aus Nicaragua von ihnen zu erfahren. Durch die vielen Begegnungen in Österreich spürten sie auch die tragende Kraft gelebter Solidarität und zeigten ihnen, wieviel Engagement und Ehrenamt nötig ist, damit wertvolle Arbeit wie in den Modellprojekten von CECIM und FUNARTE und von vielen anderen Organisationen unterstützt werden kann.

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Imer’s Frisörladen war während seines Besuchs in Österreich ausgeraubt worden.

Zu Hause ankommen war aber nicht nur mit Freude verbunden. Imer’s kleiner Frisörladen war in seiner Abwesenheit ausgeraubt worden. Mittlerweile konnte der Verlust durch direkte Spenden von Menschen, die bei seinem Besuch in Österreich zu Freunden geworden sind, ersetzt werden. Das Wetter spielt leider auch immer mehr verrückt – Regen im Februar. Das gab es bisher nicht. Der Klimawandel ist im Alltag spürbar. Regen oder Trockenheit sind nicht mehr vorhersehbar. Für viele Bauern und Bäuer/innen wird die Aussaat zur Lotterie und damit zur Überlebensfrage.

Auch sind in den letzten Monaten viele Menschen in Nicaragua Opfer von Verbrechen geworden. Die Gewalt an Frauen und Kinder beschäftigen die Gesellschaft und auch besonders unsere Partnerorganisation FUNARTE. In ihrem Umfeld kommt es immer häufiger zu grausamen Gewaltverbrechen. Eine Mutter von zwei Kindern, die bei den Workshops von FUNARTE teilnehmen, ist vom Vater der Kinder ermordet worden. Sie haben mir auch berichtet, dass zwei Kinder aus ländlichen Gemeinden des Departements Estelí entführt und ermordet wurden. Die Zivilgesellschaft in Nicaragua hält Mahnwache gegen die hohe Gewalt an den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft und fordert endlich ein Ende der Straflosigkeit. Trägt doch das Versagen der verantwortlichen Behörden, wie Polizei und Gerichte, maßgeblich zur Eskalation bei.

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Eine solide Ausbildung schafft Chancen für die persönliche und berufliche Entwicklung.

Die aktuellen Beispiele zeigen mehr denn je, wie wichtig die Arbeit unserer Partnerorganisationen für die Menschen vor Ort ist. Bei den Projekten mit Jugendlichen steht die Bildungsarbeit im Fokus. Sie gibt den Kids viele neue Möglichkeiten für ihre persönliche und berufliche Entwicklung. Die Stärkung der Persönlichkeit leistet einen wertvollen Beitrag zu einer Gewaltprävention auf individueller und letztlich auf gesellschaftlicher Ebene. Die großen Umweltprobleme, wie Entwaldung, Wassermangel, Artensterben und Klimawandel sind ebenfalls Ausdruck unseres gewaltvollen Handelns gegen natürlichen Ressourcen – nicht nur in Nicaragua, sondern auch bei uns in Österreich und auf der ganzen Welt. Sternsingen ist ein erster Schritt, dass wir gemeinsam eine bessere Welt für alle schaffen können. Wir müssen aber noch weitere gemeinsam Schritte machen und dafür brauchen wir euch alle.

clemens.koblbauer@dka.at, Projektreferent für Nicaragua

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Zurück in Nicaragua

Brasilien – der große Sprung zurück

 

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Angela Kemper, Brasilienreferentin der Dreikönigsaktion, berichtet aus Brasilien.

Es ist 22.45 Uhr und ich komme am Flughafen Recife in Nordostbrasilien an. Mein Koffer ist nicht mit mir gereist, und schneller als mir lieb ist, bin ich mitten in der brasilianischen Bürokratie.

 

Nach dem Anstellen beim Reklamationsschalter und der Aufnahme des Protokolls gleich noch eine Kontrolle des Handgepäcks und ich bin froh, dass der Taxifahrer, den unser Projektpartner geschickt hat, die zweieinhalb Stunden gewartet hat. Ein tropischer Regenguss begleitet unsere Fahrt in die Unterkunft und schlägt wie im Rhythmus zu den Geschichten, die der Taxifahrer parat hat. Schrecklich sei es hier, es herrsche eine Art Ausnahmezustand, die Bürgerrechte werden eingeschränkt, die Pensionen gekürzt, Gesundheits- und Bildungspolitik werden zu Tode gespart, Korruption ist überall, Gewalt in den Städten und am Land sind mittlerweile Alltag. Der Mix aus Jetlag, Müdigkeit, Starkregen und den Schauergeschichten klingt noch nach, bis ich endlich im Bett liege.

Nach einer kurzen Nacht geht die Arbeit los. Auf dem Weg zum ersten Projektbesuch möchte mir ein etwa neunjähriger Bub auf der Straße Wasser verkaufen. Ich frage ihn warum er denn nicht in der Schule sei und die Antwort kommt prompt: „Die Schule ist geschlossen, wir haben kein Wasser dort!“ Alltag im Schwellenland Brasilien. Ich erinnere mich an die besetzten Schulen vor circa einem Jahr vor der Eröffnung der Olympischen Spiele. Die Schüler/innen in Rio de Janeiro kritisierten, dass es Geld für die Olympischen Spiele gebe, aber das Geld für Infrastruktur und Bildung fehle. In ganz Brasilien waren mehr als 1000 Schulen sowie einige Unis von Schüler/innen und Student/innen besetzt. Der Protest richtete sich gegen das marode Bildungssystem und konkret gegen das erste große Projekt der Regierung von Präsident Michel Temer, einen Verfassungszusatz, der eine Haushaltsausgabenbremse für die kommenden 20! Jahre festschreibt. Die Staatsausgaben dürfen demnach nur noch im Tempo der Inflation steigen. Damit will Temer die kriselnde Wirtschaft beleben, indem er, wie es bei solchen Plänen gerne heißt, „das Vertrauen der Märkte“ zurückgewinnt.

Das Schulthema begleitet mich noch weiter. In Juazeiro, 700 km landeinwärts, unterstützt die Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar IRPAA (www.irpaa.org), das Regionale Institut für angepasste Kleinbäuerliche Landwirtschaft und Tierhaltung, eine gemeinnützige Organisation im Zentrum der semi-ariden Region Brasiliens, die mit fast 900.000 km² so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen ist. Seit über 20 Jahren arbeitet IRPAA mit den Kleinbauern und –bäuerinnen, um neue klimagerechte Wirtschafts- und Lebensformen zu vermitteln. Um in dem Trockengebiet mit seinen immer wiederkehrenden Dürreperioden und dem permanenten Wassermangel überleben zu können, braucht es ausreichend Grund und Boden und eine genaue Kenntnis über angepasste Lebensweisen und landwirtschaftliche Produktionstechniken.

Schon in die Schulen soll dieses Wissen einfließen und in die Lehrpläne integriert werden, damit die Kinder ihre Gegend kennen lernen und erfahren, wie das Leben hier im Einklang mit der Natur gestaltet werden kann. In der Region hat es schon sechs Jahre lang kaum geregnet, von den 1.100 Gemeinden der Region haben 700 bereits aufgrund der Dürre den Ausnahmezustand angemeldet. Diese Dürreperiode summiert sich mit der „politischen Dürre“, und in Summe bedeutet dies für die Kleinbäuer/innenfamilien, dass sie um ihr Überleben zittern müssen. Durch den fehlenden Regen fällt die Ernte aus. Staatliche Sozialprogramme wurden gekürzt, und durch die bevorstehende Pensionsreform können sie nicht mehr wie bisher mit 55 (Frauen) und 60 Jahren (Männer) als Landarbeiter/innen in Pension gehen und einen Mindestlohn Rente beziehen (ca. 260 EUR im Monat), sondern um Jahre später. Unsere Projektpartner/innen sehen darin eine bewusste Strategie, die Kleinbauernfamilien Stück für Stück vom Land zu vertreiben, um Bergbaufirmen und Plantagenwirtschaft Platz zu machen. In der Region befindet sich die größte bewässerte Zuckerrohrplantage Lateinamerikas, 20.000 ha nur Zuckerrohr, und das mit gratis Bewässerung, während die Kleinbauernfamilien daneben nicht einmal Trinkwasser haben.

Aber nirgendwo zeigt sich der Niedergang des Landes so deutlich wie im Bildungssystem: Die Schulen in der Region werden unter dem Stichwort „nucleação“ (dt. Kernbildung) zusammengelegt. Gab es im Jahr 2005 noch 62 Schulen am Land, sind es jetzt nur mehr 25. Die Kinder werden mit Klapperbussen in bis zu 30 km entfernte Orte gebracht. Die Fahrt dauert jedes Mal eine halbe Ewigkeit, denn es geht über unbefestigte Schotterpisten. Die Koordinatorin der Schulbehörde in Uaua klagt über eine hohe Drop-out-Rate. Kein Wunder, immer mehr Eltern schicken ihre Kinder ganz einfach nicht mehr in die Schule. Anreiz für den Schulbesuch war immer eine gesunde Mahlzeit für alle Schüler/innen. Aber die 35 Centavos (= 0,9 Cent) sind sogar für eine Jause zu wenig. Da die Gemeinden für die Schulerhaltung der Grundschulen zuständig sind, versuchen diese jetzt die Schulen zu privatisieren. Lehrer/innen werden nicht mehr fix angestellt sondern „sind über Leihfirmen nur im Bedarfsfall zu engagieren“. „Wo soll das enden, wenn unsere Kinder nicht einmal mehr die Chance haben, lesen und schreiben zu lernen? Wir stehen jetzt da, wo wir vor 20 Jahren waren,“ berichtet der Projektpartner.

In diesem Ton geht es die ganze Reise über weiter. Überall wo ich hinkomme, berichten die Menschen über die Demontage des Rechtsstaates im Eiltempo. Korruptionsskandale, Schmiergeldzahlungen, Steuerbefreiungen von einflussreichen Firmen und Politiker/innen sind längst Alltag. Auch Präsident Temer ist angezählt. Eduardo Cunha, der ehemalige Spitzenpolitiker und radikale evangelikale Radioprediger leitete vor einem Jahr noch das Impeachment-Verfahren gegen Dilma Rousseff. Mittlerweile sitzt er selbst im Gefängnis und behauptet, von Temer Schweigegeldzahlungen erhalten zu haben.

Brasilien, das Land der Zukunft, geht ungewissen Tagen entgegen. Jetzt gerade können wir unsere Partnerorganisationen nur dabei unterstützen, weiterzumachen, den Mut und die Hoffnung auf bessere und gerechtere Tage nicht zu verlieren und die Demokratie und ihre verfassungsmäßig abgesicherten Rechte vehement zu verteidigen. Und das ist eine schwere und immer öfter auch äußerst (lebens)gefährliche Aufgabe.

Brasilien – der große Sprung zurück

Nachschauen, woher das Lötzinn kommt

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Unser Anwaltschaftskoordinator Herbert Wasserbauer war in Bolivien, um zu recherchieren, woher die Rohstoffe der Digitalisierung kommen. Er koordiniert das gleichnamige Projekt, das gemeinsam mit Südwind, GLOBAL 2000, NeSoVe und Finance & Trade Watch durchgeführt wird.

Um sechs Uhr morgens starten wir los, um das Bergbaustädtchen Huanuni, die „Zinnhauptstadt Boliviens“  zu besuchen, wo seit der Zeit des berüchtigten Zinn-Barons Simón Patiño, vor über 100 Jahren, das weiche Schwermetall abgebaut wird. Auf dem Weg wird mir erzählt, dass vielen Millionen Steuergeld in die verstaatliche Mine geht, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Zu billig ist der „Bodenschatz“ auf den Weltmärkten.

Als die Morgensonne langsam das Tal auszuleuchten beginnt, machen wir Halt an der Sección Relaves: Kleine Rückhaltbecken stauen das rostbraune Flusswasser auf. Zwischen allerhand Gerümpel schaufeln Männer Zinnerz-haltigen Schlamm auf Holzrutschen, geben noch ein Portion Chemie-Kerosin-Cocktail darauf und lassen das Wasser drüber fließen. In einer Grube wird alles aufgefangen. Das Mineral sondert sich vom Schlamm ab. Wenn man den Vorgang dreimal wiederholt, erhält man reineres Mineral, als im Verarbeitungsbetrieb.

Nach einem kurzen Frühstück geht’s zur Werksbesichtigung. Überall in der Stadt sind mineros mit ihren dunkelbraunen Helmen unterwegs. Doña Claudia ist für die Werkssicherheit zuständig und führt uns herum. Demonstrativ erinnert sie ihre Kolleg/innen an das Tragen des Helmes. Über einen uralten Schrägaufzug mit Seilantrieb gelangen wir gemeinsam mit einigen Minenarbeitern zum Stolleneingang. Einige Kumpels warten auf die Einfahrt an ihren Arbeitsplatz bis zu 340 Meter unter Tage. In Plastiksäcken haben sie Coca-Blätter dabei und auch ihre ausgebeulten Wangen zeugen davon. Seit den ausbeuterischen Kolonialzeiten hat das Kauen von Coca die auszehrenden Arbeiten im Berg etwas erträglicher gemacht. Bis zu 35° hat es in den untersten Ebenen. Wenn man im Winter bei minus 15° verschwitzt und erschöpft an die Oberfläche kommt, wird man leicht krank.

Neben der Rampe, die seit einigen Jahren auch die Zufahrt von LKWs bis tief unter die Erde ermöglicht, beginnt die Führung durch das Innere der Mine. In verschiedenen Arbeitsschritten wird das Erz maschinell zerkleinert, zermahlen und das Mineral auf Sieb- und Rüttelplatten vom tauben Gestein abgesondert. „Alles mehr als 80 Jahre alt“, erklärt Claudia. Sie zeigt uns, dass sie Sperrtafeln auf die Bedienschränke der großen Maschinen hängt, wenn diese gewartet werden. Im letzten Jahr sind zwei Arbeiter zu Tode gekommen, als sie eine Gesteinsmühle von innen reparierten und diese unwissend in Betrieb genommen wurden. Neben den Becken, in denen die Schwefelanteile chemisch abgetrennt werden, wohnt der Tio: eine geschmückte Figur aus reinem Mineral, die eine Art „guten Teufel“ darstellt. Vor allem im Karneval teilen die Kumpel Bier, Zigaretten uä. mit, damit er sie mit dem nötigen Glück versorgt.

Wieder einmal geht’s an einem rauschenden Wasserkanal vorbei, der zu einem Sammelbecken führt. Doña Claudia erklärt, dass das Wasser hier im Kreislauf verwendet wird. Nur wenn es zu stark verschmutzt ist, sei es notwendig, es zu wechseln. Dann wird das belastete Wasser einfach in den Fluss abgelassen, bestätigt sie auf Nachfrage. An einem ratternden Stutzen füllt ein Arbeiter das getrocknete pulverförmige Mineral in eine Scheibtruhe. Unter Aufsicht von zwei Soldaten wird es schließlich auf einen LKW geladen. Die Werkstour endet.

Gemeinsam mit den Kolleg/innen von DKA-Partnerorganisation Centro de Apoyo a la Educación Popular fahren wir noch das neue Werk besuchen, von der man sich deutlich höhere Effizienz und geringere Umweltauswirkungen erwartet. Seit beinahe zwei Jahren ist die mit chinesischer Ingenieurskunst bestückte Halle einsatzbereit. Da aber der notwendige Rückhaltedamm noch nicht fertig ist und außerdem das nötige Wasser zum Betrieb noch nicht gesichert ist, konnte es bisher nicht in Betrieb gehen. Vorübergehend hat man einen Hilfsdamm oberhalb der Stadt errichtet. Bei den letzten starken Regenfällen ist aber ein Teil abgerutscht und es gibt viele Risse. „Wenn der wirklich mit Wasser gefüllt wird, haben wir es mit einer Zeitbombe zu tun“, erklärt man mir besorgt.

Wir kommen auf die soziale Situation in der Stadt zu sprechen. „Weil die Bergleute bei jedem Schichtbeginn damit rechnen, nicht mehr heil aus dem Berg zu kommen, leben sie sehr im Heute“, erklären mir die NGO-Mitarbeiter/innen. Mülltrennen oder stabile Beziehungen zu Frauen stehen da nicht unbedingt ganz oben auf der Prioritätenliste. Das merkt man auch in der Stadt. Wir gehen noch zum Denkmal, das an den Aufenthalt des Revolutionsführers Che Guevara mit den Bergarbeitern Huanunis erinnert.
Mit einem beklemmenden Gefühl verlasse ich den Ort, aus dem möglichweise das Material für die Lötstellen in meinem Laptop, auf dem ich diese Zeilen schreibe, kommt…

 

 

Nachschauen, woher das Lötzinn kommt

Nicaragua: Dream, Believe, Achieve

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Bei einem Workshop für 80 Kinder und Jugendliche der Organisation FUNARTE trägt ein Mädchen ein T-Shirt mit diesem Aufdruck: Dream – Believe – Achieve

„Wie passend“, geht es mir durch den Kopf. Ich besuche FUNARTE hier im Norden von Nicaragua, um deren Arbeit kennen zu lernen. Die Dreikönigsaktion unterstützt FUNARTE nun seit einigen Jahren.

Über zwanzig Jahre nach den freien Wahlen 1990 gilt Nicaragua als eines der ärmsten Länder in der Region. Die Gründe sind vielfältig, innerer und äußerer Natur. Viele Menschen verlassen das Land, weil sie woanders mehr Chancen sehen. So werden teilweise 15-, 16-jährige Jugendliche zu Haushaltsvorständen. Wie zum Beispiel Javier, der erzählt, dass seine Mutter im Ausland lebt, um Geld für die Familie zu verdienen und sein Vater von früh bis spät in einer Tabakfabrik arbeitet. Javier geht noch zur Schule,  kümmert sich davor und danach um seine beiden Schwestern, ist in der Pfarrjugend engagiert und eben auch bei FUNARTE.

In diesem Umfeld ist es nur allzu verständlich, dass  Kinder und Jugendliche einen Raum benötigen, in dem sie sich der Alltagssorgen entledigen können. Dort wo sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt werden, wo sie lernen wie man Konflikte ohne Gewalt löst und vieles mehr –  um später etwas zur positiven Entwicklung ihrer Gesellschaft beitragen zu können. Es geht darum den Kindern und Jugendlichen tragfähige Beziehungen anzubieten, damit sie Orientierung, Gleichberechtigung und Solidarität erleben und lernen können.

FUNARTE hat als pädagogische Methode einen künstlerischen Zugang entwickelt, der den Kindern und Jugendlichen hilft ihre Probleme kreativ zum Ausdruck zu bringen. „Die Kunst ist unser Werkzeug“, bringt  die Programmleiterin von FUNARTE es auf den Punkt. Einmal pro Woche werden alle Kinder und Jugendlichen, vor allem jene aus prekären Familienverhältnissen, eingeladen an Workshops teilzunehmen. Diese folgen dem Motto: Dream – Believe – Achieve.

Am Beginn steht eine Geschichte, die ein bestimmtes Thema, Umweltschutz, Freundschaft, Gleichheit von Mann und Frau, …, aufgreift und je nach Altersstufe den Kindern aufbereitet. Anschließend werden große Bögen Papier und Farben bereitgestellt. 80 junge Menschen malen, was ihnen zur Geschichte einfällt oder was ihnen wichtig ist. Freiwillige von FUNARTE helfen ihnen und besprechen mit ihnen Gefühle, Vorstellungen, Probleme, Schönes.

Durch das freie Zeichnen finden die Kinder und Jugendliche eine Ausdrucksmöglichkeit. Wenn reden schwerfällt, sind Stifte und Papier ein erprobtes Hilfsmittel. Das Ergebnis ist nicht so wichtig – aber ich schaue um mich und sehe Kunstwerk an Kunstwerk gereiht.

Seit über 20 Jahren bietet FUNARTE nicht nur Workshops an, sondern es werden auch Murales, Wandmalereien, durch die Kinder und Jugendliche konzipiert und so wichtige Themen wie soziales Verhalten in der Schule und Gemeinde, Mülltrennung, Tierschutz an die Wände der Stadt gebracht. FUNARTE ist geschätzt. Vor wenigen Jahren hat auch das Bildungsministerium diesen Bildungsansatz ausgezeichnet und FUNARTE gebeten, landesweit Fortbildungen für Lehrer und Lehrerinnen durchzuführen – damit der Schulunterricht durch Kunst bereichert werden kann.

Dream, Believe, Achieve – einige der Teammitglieder sind als Kinder zu FUNARTE gestoßen und haben einen Raum vorgefunden, der ihr Leben positiv verändert hat. Sie bringen sich nun aktiv in ihrer Gemeinde ein und unterstützen ihrerseits wieder Kinder dabei, positive Lernerfahrungen in einem sonst oft tristen Alltag zu erleben.

Jakob Wieser, Geschäftsführer Dreikönigsaktion

 

 

 

 

Nicaragua: Dream, Believe, Achieve

Spaß mit Handelsabkommen?

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„It is fun!“, meint Effrey Dademo mit einem Zwinkern über ihre Arbeit. Die Rechtsanwälting leitet Act Now!, die wahrscheinlich wichtigste Kampagnenorganisationen für Menschenrechte in Papua Neuguinea. Nach unserem Stopp in Bougainville treffen wir Effrey in Goroka im Hochland. Was sie gemeinsam mit ihren vier Kolleginnen bewegt, lässt einen nicht unbeeindruckt. Die Geschichten die sie erzählt gleichen Krimis (© Kollege Philipp Bück).

Zum Beispiel „land grabbing“ in PNG. Fast die gesamte Landfläche ist in Besitz der Bevölkerung, verwaltet über traditionelle Clanstrukturen. Bisher funktionierte dieses System für das Land gut. Bisher… Vor einigen Jahren wurden von der Regierung sogenannte „Special Agricultural and Business Leases“ (SABL) begeben um großflächige Nahrungsmittelproduktion und anderweitige Ausbeutung zu ermöglichen. Dies betrifft ca. 10 % des gesamten Landes!
Es handelt sich vor allem um küstennahe Waldgebiete. Einige werden gerade von ausländischen Unternehmen abgeholzt. Jenen denen das Land gehört(e) sind dazu kaum informiert oder konsultiert worden.

Act Now! wurde – nach viel Lobbying – gebeten den Referenzrahmen für die parlamentarische Untersuchungskommission zu diesem Thema zu verfassen. Mit engagierter Informations- und Kampagnenarbeit (Multiplikatoren/innen-Schulungen, E-Mail-Verteiler mit 40.000 Abonnenten/innen, …) konnte Act Now! den Premierminister dazu bewegen, öffentlich die SABLs in Frage zu stellen. Die weitere Vergabe von Leases konnte gestoppt werden.
Das geschah in den letzten drei Jahren.

Die SABLs dürften Teile von vertraulichen Handelsabkommen unter dem Motto „aid for trade“ mit regionalen Mächten sein (es gilt die Unschuldsvermutung). Nicht nur deshalb dürfte die Administration am Rad drehen und möchte nun die SABLs in registrierten Landbesitz umwandeln. Damit würde der traditionelle Landbesitz aufhören zu existieren, die Unternehmen wären rechtmäßige Eigentümerinnen.
Act Now! kämpft weiter dagegen an und versucht nun die großen Medienhäuser zu einer gesellschaftlichen Debatte darüber zu bewegen (nächstes Jahr stehen Wahlen an) – mit einer guten Mischung aus Optimismus, Freude und Realismus.

Auch wenn die Gegenspieler übermächtig und die Vorhaben damit äußerst schwierig erscheinen, erfüllt es einen mit Stolz mit Effrey an einem Strang ziehen zu können. Es gibt kaum andere Organisationen im Land die auf so einem Niveau so effektiv sind. Dieses Engagement setzt auf einer ganz anderen Ebene wie jener der ehrenamtlichen Früherzieherinnen in Bougainville Zeichen für eine gerechtere Welt!

 

Jakob Wieser

jakob.wieser[at]dka.at

Foto: (c) Act Now!

Wenig bringt viel: Frühkinderziehung in Bougainville

Spaß mit Handelsabkommen?

Wenig bringt viel: Frühkinderziehung in Bougainville

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Wie wenig Geld für Entwicklung manchmal benötigt wird, zeigt sich in der Diözese Bougainville am Beispiel der wachsenden Bewegung zur Frühkinderziehung: Mit Hilfe der Sternsingergelder wurden vor zwei Jahren drei einwöchige Trainings abgehalten. Es gab weit über 100 Teilnehmer/innen – vor allem Frauen. Nun, so berichten die Verantwortlichen für Bildung im Diözesanbüro, sind in der ganzen Diözese 400 „Early Childhood Centers“ zu finden. Man hatte offenbar einen Nerv getroffen.

Die Diözese Bougainville liegt im Osten von Papua Neuguinea. Ich begleite unseren Länderreferenten, Philipp Bück, dieser Tage hier im Pazifikstaat um jene Initiativen und Organisationen kennenzulernen, die wir durch die Gelder aus den Sternsingerkassen unterstützen. Die Provinz Bougainville besteht aus zwei großen und einigen kleineren Inseln. Hier leben ca. 250.000 Menschen.
Das Bildungssystem im ganzen Land hat mit schlechter Lehrermotivation, schwache Kontrollinstanzen – auch aufgrund der geographischen Herausforderungen – und regelmäßigen Änderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen zu kämpfen. Kindergärten oder ähnliches gab es bisher nicht. Die Regierung arbeitet an einer Richtlinie.

Wir besuchen den Ort Malasang ein paar Kilometer außerhalb der Hauptstadt Buka. Hortence Kirowa, die Gründerin und Leiterin des dortigen Early Childhood Center, führt uns herum. Stolz berichtet Frau Kirowa über die Erfolge des Kindergartens seit Eröffnung im August 2014: Mittlerweile gibt es drei Klassen für 3- bis 5jährige mit je einer ehrenamtlich tätigen Lehrerin, 30 Schüler/innen besuchen den Unterricht regelmäßig – dieser wird aufbauend auf dem diözesanen Curriculum gestaltet.

Die Kinder können einfache Sätze in Englisch lesen, sodass sich manche Eltern fragen, ob die erste Stufe der Grundschule („elementary“, ab 6 Jahren) überhaupt besucht werden muss oder ob die Kinder nicht gleich in die nächste Stufe einsteigen sollten („primary“, ab ca. 10 Jahren).
Die Eltern beteiligen sich am Schulmanagement über ein Leitungsgremium und schätzen es, dass die Kinder einen Ort haben an dem sie am Vormittag gerne hingehen. Der Jahresbeitrag beläuft sich auf ca. 2 Euro pro Kind.
Alle drei Klassenräume, regensichere Holzbauten, wurden durch das Engagement von Frau Kirowa und einigen anderen engagierten Gemeindemitgliedern errichtet.

IMG_9739a.jpgDie Räume sind voll mit Zeichnungen der Kinder und selbst gezeichneten Lernbildern vom Alphabet, über die 10 Gebote, hin zu Zahlen und Tieren.

 

 

Dieses Early Childhood Center gehört sicherlich zu den Vorzeigeschulen unter den 400 selbst organisierten Einrichtungen in der Provinz Bougainville. Es zeigt sich wie sehr die richtige Unterstützung vieles bewirken kann. Die Diözese ist nun gefordert das enorme ehrenamtliche Engagement im gesamten Gebiet zu fördern. Wir warten noch, ob sie dazu Unterstützung von der Dreikönigsaktion beantragen.

Jakob Wieser
jakob.wieser[at]dka.at

 

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Das selbstorganisierte Early Childhood Center in Malasang, von Bäumen umgeben. Die Kinder werden am Ende des Schultages gerade abgeholt.

 

 

Spaß mit Handelsabkommen?

 

Wenig bringt viel: Frühkinderziehung in Bougainville

Sonne bleicht Haut!

Ein paar Tage in Rio und eine Theorie drängt sich auf: Vermehrte Sonneneinwirkung auf der Haut führt nicht wie bisher angenommen zur Bräunung. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Starkes Aussetzen direkter Sonne führt zur Erbleichung. Wie kommt man auf so eine abstruse These?

Das Rezept ist ganz einfach, man besucht ein Jugendgefängnis in Rio de Janeiro mit einem Projektpartner der Dreikönigsaktion, verteilt dort Eis an alle über 300 Insassen (obwohl die Einrichtung für rund 80 Personen konzipiert ist), bekommt somit alle zu Gesicht. Beim Verteilen sieht man mit eigenen Augen, dass die Zellen massiv überbelegt sind – ca. 10 Kids auf 10m². Der Geruch erinnert eher an einen Stall, weil sich die Sanitäranlagen in der Zelle befinden. Das ist auch die Art und Weise wie die strafffälligen Jugendlichen – viele von ihnen werden wegen kleiner Drogendelikte wir Marihuana rauchen weggesperrt (natürlich gibt es auch viele, die bereits in ganz jungen Jahren schwere Delikte begangen haben) – gehalten werden.

Resozialisierung? Ein Jugendlicher erzählt meiner Kollegin, die ihn darauf anspricht, dass er nicht bei dem gemeinsamen Lied mitsingt, er könne nicht lesen, weil er nie – und jetzt kommt’s  – „in die Schule geholt“ wird. Das heißt, er ist und bleibt Analphabet und hat schlicht und einfach nicht die geringste Chance aus der Scheiße rauszukommen. Punkt.

Aber das faszinierendste an der ganzen Szenerie Jugendgefängnis ist, dass alle Insassen, die gesiebte Gefängnisluft atmen, ausnahmslos schwarz waren.

Szenenwechsel: Copacabana. Für die ORF-Doku über die Projekte der Dreikönigsaktion (Sendetermin: 1.1.2016/17.05 ORF2 – eh schon wissen) brauchen wir ein paar „Symbolbilder“ von Rio. Was liegt näher als der berühmteste Strand der Welt?

Und siehe da: Der Großteil der Menschen, die sich hier vor einer Traumkulisse in der Sonne rekeln sind weiß. Um nicht Alle zu sagen: es gibt auch hier natürlich Menschen mit dunkler Hautfarbe, ein ganz kleiner Teil von ihnen sogar unterm Sonnenschirm. Der Großteil der farbigen Menschen an der Copacabana…….verkauft Sonnenbrillen, schlägt Kokosnüsse auf, oder sammelt Müll……

Also entweder stimmt die These „Sonne bleicht Haut“ oder es handelt sich um Rassismus.

christian.herret@dka.at, derzeit in Brasilien

Weiß wie Wir

 

Sonne bleicht Haut!