Nachschauen, woher das Lötzinn kommt

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Unser Anwaltschaftskoordinator Herbert Wasserbauer war in Bolivien, um zu recherchieren, woher die Rohstoffe der Digitalisierung kommen. Er koordiniert das gleichnamige Projekt, das gemeinsam mit Südwind, GLOBAL 2000, NeSoVe und Finance & Trade Watch durchgeführt wird.

Um sechs Uhr morgens starten wir los, um das Bergbaustädtchen Huanuni, die „Zinnhauptstadt Boliviens“  zu besuchen, wo seit der Zeit des berüchtigten Zinn-Barons Simón Patiño, vor über 100 Jahren, das weiche Schwermetall abgebaut wird. Auf dem Weg wird mir erzählt, dass vielen Millionen Steuergeld in die verstaatliche Mine geht, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Zu billig ist der „Bodenschatz“ auf den Weltmärkten.

Als die Morgensonne langsam das Tal auszuleuchten beginnt, machen wir Halt an der Sección Relaves: Kleine Rückhaltbecken stauen das rostbraune Flusswasser auf. Zwischen allerhand Gerümpel schaufeln Männer Zinnerz-haltigen Schlamm auf Holzrutschen, geben noch ein Portion Chemie-Kerosin-Cocktail darauf und lassen das Wasser drüber fließen. In einer Grube wird alles aufgefangen. Das Mineral sondert sich vom Schlamm ab. Wenn man den Vorgang dreimal wiederholt, erhält man reineres Mineral, als im Verarbeitungsbetrieb.

Nach einem kurzen Frühstück geht’s zur Werksbesichtigung. Überall in der Stadt sind mineros mit ihren dunkelbraunen Helmen unterwegs. Doña Claudia ist für die Werkssicherheit zuständig und führt uns herum. Demonstrativ erinnert sie ihre Kolleg/innen an das Tragen des Helmes. Über einen uralten Schrägaufzug mit Seilantrieb gelangen wir gemeinsam mit einigen Minenarbeitern zum Stolleneingang. Einige Kumpels warten auf die Einfahrt an ihren Arbeitsplatz bis zu 340 Meter unter Tage. In Plastiksäcken haben sie Coca-Blätter dabei und auch ihre ausgebeulten Wangen zeugen davon. Seit den ausbeuterischen Kolonialzeiten hat das Kauen von Coca die auszehrenden Arbeiten im Berg etwas erträglicher gemacht. Bis zu 35° hat es in den untersten Ebenen. Wenn man im Winter bei minus 15° verschwitzt und erschöpft an die Oberfläche kommt, wird man leicht krank.

Neben der Rampe, die seit einigen Jahren auch die Zufahrt von LKWs bis tief unter die Erde ermöglicht, beginnt die Führung durch das Innere der Mine. In verschiedenen Arbeitsschritten wird das Erz maschinell zerkleinert, zermahlen und das Mineral auf Sieb- und Rüttelplatten vom tauben Gestein abgesondert. „Alles mehr als 80 Jahre alt“, erklärt Claudia. Sie zeigt uns, dass sie Sperrtafeln auf die Bedienschränke der großen Maschinen hängt, wenn diese gewartet werden. Im letzten Jahr sind zwei Arbeiter zu Tode gekommen, als sie eine Gesteinsmühle von innen reparierten und diese unwissend in Betrieb genommen wurden. Neben den Becken, in denen die Schwefelanteile chemisch abgetrennt werden, wohnt der Tio: eine geschmückte Figur aus reinem Mineral, die eine Art „guten Teufel“ darstellt. Vor allem im Karneval teilen die Kumpel Bier, Zigaretten uä. mit, damit er sie mit dem nötigen Glück versorgt.

Wieder einmal geht’s an einem rauschenden Wasserkanal vorbei, der zu einem Sammelbecken führt. Doña Claudia erklärt, dass das Wasser hier im Kreislauf verwendet wird. Nur wenn es zu stark verschmutzt ist, sei es notwendig, es zu wechseln. Dann wird das belastete Wasser einfach in den Fluss abgelassen, bestätigt sie auf Nachfrage. An einem ratternden Stutzen füllt ein Arbeiter das getrocknete pulverförmige Mineral in eine Scheibtruhe. Unter Aufsicht von zwei Soldaten wird es schließlich auf einen LKW geladen. Die Werkstour endet.

Gemeinsam mit den Kolleg/innen von DKA-Partnerorganisation Centro de Apoyo a la Educación Popular fahren wir noch das neue Werk besuchen, von der man sich deutlich höhere Effizienz und geringere Umweltauswirkungen erwartet. Seit beinahe zwei Jahren ist die mit chinesischer Ingenieurskunst bestückte Halle einsatzbereit. Da aber der notwendige Rückhaltedamm noch nicht fertig ist und außerdem das nötige Wasser zum Betrieb noch nicht gesichert ist, konnte es bisher nicht in Betrieb gehen. Vorübergehend hat man einen Hilfsdamm oberhalb der Stadt errichtet. Bei den letzten starken Regenfällen ist aber ein Teil abgerutscht und es gibt viele Risse. „Wenn der wirklich mit Wasser gefüllt wird, haben wir es mit einer Zeitbombe zu tun“, erklärt man mir besorgt.

Wir kommen auf die soziale Situation in der Stadt zu sprechen. „Weil die Bergleute bei jedem Schichtbeginn damit rechnen, nicht mehr heil aus dem Berg zu kommen, leben sie sehr im Heute“, erklären mir die NGO-Mitarbeiter/innen. Mülltrennen oder stabile Beziehungen zu Frauen stehen da nicht unbedingt ganz oben auf der Prioritätenliste. Das merkt man auch in der Stadt. Wir gehen noch zum Denkmal, das an den Aufenthalt des Revolutionsführers Che Guevara mit den Bergarbeitern Huanunis erinnert.
Mit einem beklemmenden Gefühl verlasse ich den Ort, aus dem möglichweise das Material für die Lötstellen in meinem Laptop, auf dem ich diese Zeilen schreibe, kommt…

 

 

Nachschauen, woher das Lötzinn kommt

Nicaragua: Dream, Believe, Achieve

funarte_jakob

 

Bei einem Workshop für 80 Kinder und Jugendliche der Organisation FUNARTE trägt ein Mädchen ein T-Shirt mit diesem Aufdruck: Dream – Believe – Achieve

„Wie passend“, geht es mir durch den Kopf. Ich besuche FUNARTE hier im Norden von Nicaragua, um deren Arbeit kennen zu lernen. Die Dreikönigsaktion unterstützt FUNARTE nun seit einigen Jahren.

Über zwanzig Jahre nach den freien Wahlen 1990 gilt Nicaragua als eines der ärmsten Länder in der Region. Die Gründe sind vielfältig, innerer und äußerer Natur. Viele Menschen verlassen das Land, weil sie woanders mehr Chancen sehen. So werden teilweise 15-, 16-jährige Jugendliche zu Haushaltsvorständen. Wie zum Beispiel Javier, der erzählt, dass seine Mutter im Ausland lebt, um Geld für die Familie zu verdienen und sein Vater von früh bis spät in einer Tabakfabrik arbeitet. Javier geht noch zur Schule,  kümmert sich davor und danach um seine beiden Schwestern, ist in der Pfarrjugend engagiert und eben auch bei FUNARTE.

In diesem Umfeld ist es nur allzu verständlich, dass  Kinder und Jugendliche einen Raum benötigen, in dem sie sich der Alltagssorgen entledigen können. Dort wo sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt werden, wo sie lernen wie man Konflikte ohne Gewalt löst und vieles mehr –  um später etwas zur positiven Entwicklung ihrer Gesellschaft beitragen zu können. Es geht darum den Kindern und Jugendlichen tragfähige Beziehungen anzubieten, damit sie Orientierung, Gleichberechtigung und Solidarität erleben und lernen können.

FUNARTE hat als pädagogische Methode einen künstlerischen Zugang entwickelt, der den Kindern und Jugendlichen hilft ihre Probleme kreativ zum Ausdruck zu bringen. „Die Kunst ist unser Werkzeug“, bringt  die Programmleiterin von FUNARTE es auf den Punkt. Einmal pro Woche werden alle Kinder und Jugendlichen, vor allem jene aus prekären Familienverhältnissen, eingeladen an Workshops teilzunehmen. Diese folgen dem Motto: Dream – Believe – Achieve.

Am Beginn steht eine Geschichte, die ein bestimmtes Thema, Umweltschutz, Freundschaft, Gleichheit von Mann und Frau, …, aufgreift und je nach Altersstufe den Kindern aufbereitet. Anschließend werden große Bögen Papier und Farben bereitgestellt. 80 junge Menschen malen, was ihnen zur Geschichte einfällt oder was ihnen wichtig ist. Freiwillige von FUNARTE helfen ihnen und besprechen mit ihnen Gefühle, Vorstellungen, Probleme, Schönes.

Durch das freie Zeichnen finden die Kinder und Jugendliche eine Ausdrucksmöglichkeit. Wenn reden schwerfällt, sind Stifte und Papier ein erprobtes Hilfsmittel. Das Ergebnis ist nicht so wichtig – aber ich schaue um mich und sehe Kunstwerk an Kunstwerk gereiht.

Seit über 20 Jahren bietet FUNARTE nicht nur Workshops an, sondern es werden auch Murales, Wandmalereien, durch die Kinder und Jugendliche konzipiert und so wichtige Themen wie soziales Verhalten in der Schule und Gemeinde, Mülltrennung, Tierschutz an die Wände der Stadt gebracht. FUNARTE ist geschätzt. Vor wenigen Jahren hat auch das Bildungsministerium diesen Bildungsansatz ausgezeichnet und FUNARTE gebeten, landesweit Fortbildungen für Lehrer und Lehrerinnen durchzuführen – damit der Schulunterricht durch Kunst bereichert werden kann.

Dream, Believe, Achieve – einige der Teammitglieder sind als Kinder zu FUNARTE gestoßen und haben einen Raum vorgefunden, der ihr Leben positiv verändert hat. Sie bringen sich nun aktiv in ihrer Gemeinde ein und unterstützen ihrerseits wieder Kinder dabei, positive Lernerfahrungen in einem sonst oft tristen Alltag zu erleben.

Jakob Wieser, Geschäftsführer Dreikönigsaktion

 

 

 

 

Nicaragua: Dream, Believe, Achieve

Spaß mit Handelsabkommen?

sabl_logging.jpg

„It is fun!“, meint Effrey Dademo mit einem Zwinkern über ihre Arbeit. Die Rechtsanwälting leitet Act Now!, die wahrscheinlich wichtigste Kampagnenorganisationen für Menschenrechte in Papua Neuguinea. Nach unserem Stopp in Bougainville treffen wir Effrey in Goroka im Hochland. Was sie gemeinsam mit ihren vier Kolleginnen bewegt, lässt einen nicht unbeeindruckt. Die Geschichten die sie erzählt gleichen Krimis (© Kollege Philipp Bück).

Zum Beispiel „land grabbing“ in PNG. Fast die gesamte Landfläche ist in Besitz der Bevölkerung, verwaltet über traditionelle Clanstrukturen. Bisher funktionierte dieses System für das Land gut. Bisher… Vor einigen Jahren wurden von der Regierung sogenannte „Special Agricultural and Business Leases“ (SABL) begeben um großflächige Nahrungsmittelproduktion und anderweitige Ausbeutung zu ermöglichen. Dies betrifft ca. 10 % des gesamten Landes!
Es handelt sich vor allem um küstennahe Waldgebiete. Einige werden gerade von ausländischen Unternehmen abgeholzt. Jenen denen das Land gehört(e) sind dazu kaum informiert oder konsultiert worden.

Act Now! wurde – nach viel Lobbying – gebeten den Referenzrahmen für die parlamentarische Untersuchungskommission zu diesem Thema zu verfassen. Mit engagierter Informations- und Kampagnenarbeit (Multiplikatoren/innen-Schulungen, E-Mail-Verteiler mit 40.000 Abonnenten/innen, …) konnte Act Now! den Premierminister dazu bewegen, öffentlich die SABLs in Frage zu stellen. Die weitere Vergabe von Leases konnte gestoppt werden.
Das geschah in den letzten drei Jahren.

Die SABLs dürften Teile von vertraulichen Handelsabkommen unter dem Motto „aid for trade“ mit regionalen Mächten sein (es gilt die Unschuldsvermutung). Nicht nur deshalb dürfte die Administration am Rad drehen und möchte nun die SABLs in registrierten Landbesitz umwandeln. Damit würde der traditionelle Landbesitz aufhören zu existieren, die Unternehmen wären rechtmäßige Eigentümerinnen.
Act Now! kämpft weiter dagegen an und versucht nun die großen Medienhäuser zu einer gesellschaftlichen Debatte darüber zu bewegen (nächstes Jahr stehen Wahlen an) – mit einer guten Mischung aus Optimismus, Freude und Realismus.

Auch wenn die Gegenspieler übermächtig und die Vorhaben damit äußerst schwierig erscheinen, erfüllt es einen mit Stolz mit Effrey an einem Strang ziehen zu können. Es gibt kaum andere Organisationen im Land die auf so einem Niveau so effektiv sind. Dieses Engagement setzt auf einer ganz anderen Ebene wie jener der ehrenamtlichen Früherzieherinnen in Bougainville Zeichen für eine gerechtere Welt!

 

Jakob Wieser

jakob.wieser[at]dka.at

Foto: (c) Act Now!

Wenig bringt viel: Frühkinderziehung in Bougainville

Spaß mit Handelsabkommen?

Wenig bringt viel: Frühkinderziehung in Bougainville

IMG_9740a

Wie wenig Geld für Entwicklung manchmal benötigt wird, zeigt sich in der Diözese Bougainville am Beispiel der wachsenden Bewegung zur Frühkinderziehung: Mit Hilfe der Sternsingergelder wurden vor zwei Jahren drei einwöchige Trainings abgehalten. Es gab weit über 100 Teilnehmer/innen – vor allem Frauen. Nun, so berichten die Verantwortlichen für Bildung im Diözesanbüro, sind in der ganzen Diözese 400 „Early Childhood Centers“ zu finden. Man hatte offenbar einen Nerv getroffen.

Die Diözese Bougainville liegt im Osten von Papua Neuguinea. Ich begleite unseren Länderreferenten, Philipp Bück, dieser Tage hier im Pazifikstaat um jene Initiativen und Organisationen kennenzulernen, die wir durch die Gelder aus den Sternsingerkassen unterstützen. Die Provinz Bougainville besteht aus zwei großen und einigen kleineren Inseln. Hier leben ca. 250.000 Menschen.
Das Bildungssystem im ganzen Land hat mit schlechter Lehrermotivation, schwache Kontrollinstanzen – auch aufgrund der geographischen Herausforderungen – und regelmäßigen Änderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen zu kämpfen. Kindergärten oder ähnliches gab es bisher nicht. Die Regierung arbeitet an einer Richtlinie.

Wir besuchen den Ort Malasang ein paar Kilometer außerhalb der Hauptstadt Buka. Hortence Kirowa, die Gründerin und Leiterin des dortigen Early Childhood Center, führt uns herum. Stolz berichtet Frau Kirowa über die Erfolge des Kindergartens seit Eröffnung im August 2014: Mittlerweile gibt es drei Klassen für 3- bis 5jährige mit je einer ehrenamtlich tätigen Lehrerin, 30 Schüler/innen besuchen den Unterricht regelmäßig – dieser wird aufbauend auf dem diözesanen Curriculum gestaltet.

Die Kinder können einfache Sätze in Englisch lesen, sodass sich manche Eltern fragen, ob die erste Stufe der Grundschule („elementary“, ab 6 Jahren) überhaupt besucht werden muss oder ob die Kinder nicht gleich in die nächste Stufe einsteigen sollten („primary“, ab ca. 10 Jahren).
Die Eltern beteiligen sich am Schulmanagement über ein Leitungsgremium und schätzen es, dass die Kinder einen Ort haben an dem sie am Vormittag gerne hingehen. Der Jahresbeitrag beläuft sich auf ca. 2 Euro pro Kind.
Alle drei Klassenräume, regensichere Holzbauten, wurden durch das Engagement von Frau Kirowa und einigen anderen engagierten Gemeindemitgliedern errichtet.

IMG_9739a.jpgDie Räume sind voll mit Zeichnungen der Kinder und selbst gezeichneten Lernbildern vom Alphabet, über die 10 Gebote, hin zu Zahlen und Tieren.

 

 

Dieses Early Childhood Center gehört sicherlich zu den Vorzeigeschulen unter den 400 selbst organisierten Einrichtungen in der Provinz Bougainville. Es zeigt sich wie sehr die richtige Unterstützung vieles bewirken kann. Die Diözese ist nun gefordert das enorme ehrenamtliche Engagement im gesamten Gebiet zu fördern. Wir warten noch, ob sie dazu Unterstützung von der Dreikönigsaktion beantragen.

Jakob Wieser
jakob.wieser[at]dka.at

 

IMG_9743a.jpg
Gib eine Beschriftung ein

Das selbstorganisierte Early Childhood Center in Malasang, von Bäumen umgeben. Die Kinder werden am Ende des Schultages gerade abgeholt.

 

 

Spaß mit Handelsabkommen?

 

Wenig bringt viel: Frühkinderziehung in Bougainville

Sonne bleicht Haut!

Ein paar Tage in Rio und eine Theorie drängt sich auf: Vermehrte Sonneneinwirkung auf der Haut führt nicht wie bisher angenommen zur Bräunung. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Starkes Aussetzen direkter Sonne führt zur Erbleichung. Wie kommt man auf so eine abstruse These?

Das Rezept ist ganz einfach, man besucht ein Jugendgefängnis in Rio de Janeiro mit einem Projektpartner der Dreikönigsaktion, verteilt dort Eis an alle über 300 Insassen (obwohl die Einrichtung für rund 80 Personen konzipiert ist), bekommt somit alle zu Gesicht. Beim Verteilen sieht man mit eigenen Augen, dass die Zellen massiv überbelegt sind – ca. 10 Kids auf 10m². Der Geruch erinnert eher an einen Stall, weil sich die Sanitäranlagen in der Zelle befinden. Das ist auch die Art und Weise wie die strafffälligen Jugendlichen – viele von ihnen werden wegen kleiner Drogendelikte wir Marihuana rauchen weggesperrt (natürlich gibt es auch viele, die bereits in ganz jungen Jahren schwere Delikte begangen haben) – gehalten werden.

Resozialisierung? Ein Jugendlicher erzählt meiner Kollegin, die ihn darauf anspricht, dass er nicht bei dem gemeinsamen Lied mitsingt, er könne nicht lesen, weil er nie – und jetzt kommt’s  – „in die Schule geholt“ wird. Das heißt, er ist und bleibt Analphabet und hat schlicht und einfach nicht die geringste Chance aus der Scheiße rauszukommen. Punkt.

Aber das faszinierendste an der ganzen Szenerie Jugendgefängnis ist, dass alle Insassen, die gesiebte Gefängnisluft atmen, ausnahmslos schwarz waren.

Szenenwechsel: Copacabana. Für die ORF-Doku über die Projekte der Dreikönigsaktion (Sendetermin: 1.1.2016/17.05 ORF2 – eh schon wissen) brauchen wir ein paar „Symbolbilder“ von Rio. Was liegt näher als der berühmteste Strand der Welt?

Und siehe da: Der Großteil der Menschen, die sich hier vor einer Traumkulisse in der Sonne rekeln sind weiß. Um nicht Alle zu sagen: es gibt auch hier natürlich Menschen mit dunkler Hautfarbe, ein ganz kleiner Teil von ihnen sogar unterm Sonnenschirm. Der Großteil der farbigen Menschen an der Copacabana…….verkauft Sonnenbrillen, schlägt Kokosnüsse auf, oder sammelt Müll……

Also entweder stimmt die These „Sonne bleicht Haut“ oder es handelt sich um Rassismus.

christian.herret@dka.at, derzeit in Brasilien

Weiß wie Wir

 

Sonne bleicht Haut!

Wie habt ihr eure Angst verloren?

????????????????????????????????????

Die Frage der Angst taucht immer wieder auf, wenn es um Geschlechtergerechtigkeit geht. Wie habt ihr eure Angst verloren, frage ich die Frau, die mit starken Gesten ihre Geschichte des Kampfs gegen die Ausgrenzung durch die Kastenhindus erzählt. Der einzige Zugang zur Hauptstraße soll der Dalitgemeinschaft („Unberührbare“, Kastenlose) von Hajipur genommen werden. Sie leben seit Jahrzehnten hier und ihre Wegerecht existiert seit ehedem. Die Kastenhindus versuchen, wie schon sehr oft erfolgreich umgesetzt, die Gruppe komplett auszugrenzen und ihnen den Durchgang durch ihre neue Ansiedlung zu verwehren. Die Frauen wissen sie haben Rechte. Um diese einzufordern scheuen sie auch nicht vor dem Gang zur Polizei zurück. Diese droht, ist die Polizei doch gewohnt Geld für ihre Dienste von den Angehörigen höherer Kasten zu erhalten. Sie fungieren als Wächter des alten Systems auch wenn sie dabei selbst Gesetze brechen. Bisher war es immer leicht Abhängigkeit Verhaftungen oder Schläge anzudrohen. Weibliche Polizisten werden kommen und sie schlagen. Die Frau strahlt: Wir weichen nicht. Sterben wir, dann wissen unsere Kinder, dass wir für ihre Zukunft gestorben sind.“ Woher kommt diese Furchtlosigkeit? Wir halten zusammen und haben erfahren, dass wir etwas verändern können. Früher haben uns unsere Ehemänner geschlagen, wenn wir zu den Frauentreffen gegangen sind. Sie haben aufgehört, wir sind unabhängig, denn wir haben gelernt uns und unsere Kinder zu versorgen. Die Fesseln der Abhängigkeit zu verlieren, die gegenseitige Aufmunterung und nichts zu haben was man verlieren könnte befreit. Ich sehe starke, entschiedene Frauen. So ganz andere Frauen als die, die in den westlichen Medien präsentiert werde: Indische Frauen als hilflose Opfer der patriarchalen Ordnung Indiens. Hier schauen sie mich mutig, lachend und siegessicher an. Frauen, die keine Privatsphäre haben, keinen Besitz und Tod und Elend kennen. Wie weit sind diese Frauen und wo stehe ich? Im Jetzt, im Hier und ohne Angst meistern sie die enormen Herausforderungen des täglichen Überlebens. Ich bin auf Projektreise in Indien und habe das Privileg von ihnen zu lernen.

Ein Brief aus dem Schwellenland von eva.wallensteiner@dka.at, Projektreferentin Indien

Wie habt ihr eure Angst verloren?