Silvester ohne Amanda

Mutter mit Amandas Flublatt

Am 1. Jänner wäre Amanda 23 Jahre alt geworden. Als ihre Mutter erfährt, dass die Sternsingerdokumentation am Neujahrstag ausgestrahlt wird, beginnt sie zu weinen. Am 28.Juni 2002 ist Amanda verschwunden. Wenige Wochen später wurde ihre verkohlte Leiche neben einer Autobahn gefunden.

Noch heute, 13 Jahre nach dem rätselhaften Verschwinden ihrer Schwester und Tochter, wird die Familie von Amanda von Portal Kids betreut, einer Einrichtung in Rio de Janeiro, die den Angehörigen verschwundener Kinder in ihrem Schmerz zur Seite steht. Die Organisation wird unterstützt mit Sternsingerspenden aus Österreich. Ein ORF-Team hat Projekte der Dreikönigsaktion in Brasilien besucht und zeigt in einer TV-Dokumentation, wie dort Spenden aus der Sternsinger-Aktion helfen – zu sehen am 1. Jänner 2016, 17.05 Uhr, in ORF 2 und am 06. Jänner 2016, 09.20 Uhr, in 3sat.

Es sei ein seltsamer Tag gewesen, der 28. Juni 2002, erzählt uns Amandas Bruder Nicolas. Die Kinder hatten Schulfrei. „Sie war neun und ich zwölf. Ich war gerade dabei Englisch zu lernen, und warum auch immer, Amanda wollte einen Hamburger essen. Darum hat mich meine Mutter gebeten, in den Supermarkt zu gehen, um Brot, Fleisch und die notwendigen Zutaten zu kaufen. Ich hab sie um eine Minute Zeit gebeten, weil ich noch für eine Prüfung lernen musste. Dann wollte ich gleich gehen.“  Nicolas plagen noch heute Schuldgefühle wenn er über das Erlebte spricht.

Amanda, die nicht warten wollte, bettelte die Mutter an, dass sie bis dahin beim Portier des Hauses im Stiegenhaus warten durfte. Als Nicolas dann Minuten später hinunterging, war Amanda verschwunden. Nicolas ging zum Supermarkt über die Straße, aber Amanda war nirgends mehr zur sehen. Die Suche nach dem Kind verlief ergebnislos, auch als die Polizei eingeschaltet wurde. Die Aufzeichnungen der Überwachungskameras im Supermarkt zeigten zwar, dass das Mädchen den Supermarkt betreten hatte, aber danach fehlt jede Spur.

Der Vater der Familie hat eine Cousine, die beim Fernsehen arbeitete, dadurch konnte er ein Interview geben, in dem er über das Verschwinden Amandas erzählen konnte. So wurde der Fall bekannt. Nach dieser Veröffentlichung fand man heraus, dass in der Region, praktisch zur selben Zeit drei Mädchen zwischen 9 und 12 Jahren verschwunden sind, die gleich ausgesehen haben. Gleiche Hautfarbe, Größe, ähnliche Haare.

Amanda wurde auf einem heruntergekommener Grundstück nahe der „Avenida Brazil“ einer Autobahn, die Rio de Janeiro quert gefunden.. Die Täter haben den Körper verbrannt und das Feuer hat Teile des Grundstücks in Brand gesetzt. Arbeiter haben das Feuer gelöscht, und dabei Amandas Körper und die sterblichen Überreste eines zweiten Kindes entdeckt. Durch die Ermittlungen danach, haben sie drei weitere Körper von toten Mädchen gefunden. Obwohl es konkrete Hinweise auf die Täter gibt konnte Amandas Mörder konnte nie gefasst werden. Soweit die Chronologie der Ereignisse.

Das Martyrium, das für die Familie damals begann wird nie ein Ende finden. „Wenn ich weinen muss, sperre ich mich im Bad ein, drehe die Dusche auf, zähle bis zehn,“ Amandas Mutter Cristiane versucht den Schmerz der nie vergeht sich nicht ansehen zu lassen, „dann trockne mich ab, wische die Tränen ab, versuche zu lachen und gehe dann zurück zur Familie. Ich möchte nicht, dass meine Kinder, die noch am Leben sind noch mehr leiden. Und das Leid der Schwester mit sich herumtragen.

Cristiane ist das Schlimmste wiederfahren, dass einer Mutter passieren kann. Ihre geliebte Tochter ist in die Hände grausamer Mörder gefallen. Bis heute weiß sie nicht, ist Amanda einem Kinderpornoring in die Hände gefallen, war sie das Opfer von Organhandel oder war es die Einzeltat eines Wahnsinnigen. In der ersten Zeit nach dem Verbrechen ist sie in eine tiefe Depression gefallen. Sie hat die Wohnung nicht mehr verlassen können und war zu schwach aufzustehen.

Ihr Schicksal hat Cristiane mit Wal Ferrao zusammengebracht. Die Journalistin arbeitet seit vielen Jahren mit den Müttern und den Geschwistern von verschwundenen Kindern. Da die Polizei nicht in der Lage ist die Verbrechen aufzuklären hat sie ihr ganzes Leben dieser Suche gewidmet. Wal arbeitet mit der Staatsanwaltschaft zusammen und interveniert bei der Polizei, wenn es wieder einmal droht, dass ein Fall zu den ungelösten Akten gelegt wird. Da das Verschwinden von Kindern oft mit dem organisierten Verbrechen in Zusammenhang steht ist es nicht verwunderlich, dass ihr Ruf bereits bis in die USA gedrungen ist. Val Ferrao bekommt auch Anfragen vom FBI zu den von ihr betreuten Fällen. „Was die verschwundenen Kinder betrifft glaube ich, haben wir um die zweihundert Fälle gelöst, davon einige auch im Ausland.“ Val Ferrao bleibt bescheiden wenn sie von ihren Erfolgen erzählt. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist auch die psychologische Betreuung der Angehörigen. Ihre Einrichtungen „Maes do Brasil“ – Mütter Brasiliens und „Portalkids“ bringen die Mütter und Geschwister von Verschwundenen und Ermordeten zusammen. „Wir bringen sie zusammen, bringen sie dazu über ihr Leben zu sprechen, gemeinsam zu weinen – aber auch gemeinsam wieder lachen zu lernen.“ Bringt Wal Ferrao ihre Arbeit auf den Punkt. „Hier in Brasilien haben wir keine Unterstützung und stehen sogar in der Kritik. Weil wir über eine Realität sprechen, die unser Land zu verstecken versucht. Darum ist es sehr schwierig Partner im Staat zu finden.“

Unterstützung für ihre Arbeit bekommt Wal von den Sternsingern aus Österreich. Die Schmerzen der betroffenen Familien werden nie vergehen, aber wir können den „Müttern Brasiliens“ in ihrem Leid zur Seite stehen.

Silvester ohne Amanda

Sonne bleicht Haut!

Ein paar Tage in Rio und eine Theorie drängt sich auf: Vermehrte Sonneneinwirkung auf der Haut führt nicht wie bisher angenommen zur Bräunung. Vielmehr ist das Gegenteil der Fall: Starkes Aussetzen direkter Sonne führt zur Erbleichung. Wie kommt man auf so eine abstruse These?

Das Rezept ist ganz einfach, man besucht ein Jugendgefängnis in Rio de Janeiro mit einem Projektpartner der Dreikönigsaktion, verteilt dort Eis an alle über 300 Insassen (obwohl die Einrichtung für rund 80 Personen konzipiert ist), bekommt somit alle zu Gesicht. Beim Verteilen sieht man mit eigenen Augen, dass die Zellen massiv überbelegt sind – ca. 10 Kids auf 10m². Der Geruch erinnert eher an einen Stall, weil sich die Sanitäranlagen in der Zelle befinden. Das ist auch die Art und Weise wie die strafffälligen Jugendlichen – viele von ihnen werden wegen kleiner Drogendelikte wir Marihuana rauchen weggesperrt (natürlich gibt es auch viele, die bereits in ganz jungen Jahren schwere Delikte begangen haben) – gehalten werden.

Resozialisierung? Ein Jugendlicher erzählt meiner Kollegin, die ihn darauf anspricht, dass er nicht bei dem gemeinsamen Lied mitsingt, er könne nicht lesen, weil er nie – und jetzt kommt’s  – „in die Schule geholt“ wird. Das heißt, er ist und bleibt Analphabet und hat schlicht und einfach nicht die geringste Chance aus der Scheiße rauszukommen. Punkt.

Aber das faszinierendste an der ganzen Szenerie Jugendgefängnis ist, dass alle Insassen, die gesiebte Gefängnisluft atmen, ausnahmslos schwarz waren.

Szenenwechsel: Copacabana. Für die ORF-Doku über die Projekte der Dreikönigsaktion (Sendetermin: 1.1.2016/17.05 ORF2 – eh schon wissen) brauchen wir ein paar „Symbolbilder“ von Rio. Was liegt näher als der berühmteste Strand der Welt?

Und siehe da: Der Großteil der Menschen, die sich hier vor einer Traumkulisse in der Sonne rekeln sind weiß. Um nicht Alle zu sagen: es gibt auch hier natürlich Menschen mit dunkler Hautfarbe, ein ganz kleiner Teil von ihnen sogar unterm Sonnenschirm. Der Großteil der farbigen Menschen an der Copacabana…….verkauft Sonnenbrillen, schlägt Kokosnüsse auf, oder sammelt Müll……

Also entweder stimmt die These „Sonne bleicht Haut“ oder es handelt sich um Rassismus.

christian.herret@dka.at, derzeit in Brasilien

Weiß wie Wir

 

Sonne bleicht Haut!